Mittwoch, 4. April 2012

Entrüstung. Gesagt. Getan. Günter Grass.


Interessant: ein Gedicht bringt Sie zum Vorschein, die vorschnellen Kommentare und die Helden des ewigen politischen Kalküls: Schnelldenker wie Herrmann Gröhe und Ruprecht Polenz sind schon mal entsetzt, Dieter Graumann und Reinhold Robbe empfinden ein kontroverses öffentliches Nachdenken in Gedichtform, persönlich diffamierend, gleich als überflüssig und eitel.
Dass der Vorwurf des Antisemitismus – in diesem Fall zu leichtfertig – auftaucht, hat Grass in seinem Text vorausgesehen. In der Tat war das nicht schwer und vermutlich erwünscht. Dieser Weg wird gelegentlich beschritten, will man umfangreiches öffentliches Interesse erregen. Was gelungen scheint.

Gut ist: eine künstlerische, eine lyrische Form mit politischem Inhalt löst ein Gespräch aus, über das der deutsche Staat allen Grund hat nachzudenken und zu dem er sich öffentlich längst hätte äußern sollen. In welcher Form macht Deutschland sich an militärischen Erstschlägen ohne jegliches Einverständnis der Vereinten Nationen mitschuldig? Das Land der Dichter und Denker ist bereits wieder drittgrößter Waffenexporteur der Welt ... aber wer ist jetzt wessen Richter? Und warum ist es so schwer darüber zu sprechen?

Einfache Fragen?
Könnte das Atomprogramm des Irans nicht auch dem geschichtlich nachweisbaren Verlangen nach Energiesicherheit geschuldet sein, das durch die geo-politisch isolierte Lage des Landes entsteht? Wer entscheidet zudem darüber welches Land sich mit Atomstrom versorgen darf und welches nicht? Ist mit dem Atomprogramm tatsächlich eine Atombombe gekoppelt, die Israel vernichten wird? Gab es die Atomraketen des Irak eigentlich?
Wie sehen oder sahen schlüssige Maßnahmen der Weltgemeinschaft in einem solchen Fall aus? Aus welchem Grund könnte ein Staat über den Entscheidungen der internationalen Staatengemeinschaft stehen?
Welche überholt geglaubte oder neue gefährliche Rolle spielt Deutschland in diesem System von aktuellen Machtinteressen?

Diese einfachen Fragen stellen zu dürfen, sollte Teil der Verantwortung sein, die jeder Deutsche mit der eigenen Geschichte verbinden kann und die er der Welt schuldig ist.


Günter Grass' Verdienst mit diesem Gedicht könnte es sein, die Sicht zurück auf den einzelnen Menschen zu lenken, der tatsächlich unter militärischen Einsätzen zu leiden hat, egal woher er stammt. Grass tut dies, in dem er eine Perspektive bezieht, die man als persönlich verantwortlich verstehen darf, jenseits des politisch-nationalen Kalküls. Damit ist sie auf eine nicht blasierte Art international. Sie ist auf keinen Fall antisemitisch.
Zudem bestärkt der Schriftsteller die Forderung, das es friedliche Lösungen nur mit dem Einverständnis und den definerten Idealen einer Weltgemeinschaft geben kann. Das ist fast ein Allgemeinplatz – jedoch zweifellos richtig.
Freies Denken darf weder an den Grenzen irgendeiner Ideologie stehen bleiben, noch darf es Ängste in Scheinargumente umfunktionieren.Wenn sich ein Künstler darüber wundern will dann darf er das unter allen Umständen. Er darf auch dafür eine Form finden.
Wer einen denkenden Künstler und politisch handelnden Menschen wie Günter Grass zu einem Antisemiten abstempelt, muss sich dem Vorwurf stellen, reaktionären, wenn nicht gar kolonialistisch orientierten westlichen Denkmodellen verhaftet zu sein. Zu meinem großen Bedauern reiht sich Henryk M. Broder in diese fatale Gruppe ein.

Im Jahr 2012 könnte man in der Lage sein, selbst als Europäer, sehr viel weiter über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Sich, wie Grass, als Künstler mit seiner politischen Meinung von einer breiten Öffentlichkeit in Frage stellen zu lassen, ist kein unwichtiger Schritt auf dem Weg Kunst und Künstler in ihrer Rolle neu zu hinterfragen.


Carsten Reinhold Schulz
Aus dem Projekt „Der Künstler als Kritiker“ 2012 




Im folgenden der Wortlaut des Gedichtes "Was gesagt werden muss" von Günter Grass in voller Länge. Das Gedicht erschien in der "Süddeutschen Zeitung", der "New York Times" und "La Repubblica":
(Quelle: Süddeutsche Zeitung)




Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.


Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.


Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?


Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt 'Antisemitismus' ist geläufig.


Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muss.


Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.


Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muss,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.


Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.


Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

2 Kommentare:

  1. 1) Der kämpfende Pazifist, der sich der Größe seiner Aufgabe bewusst ist, wird keinen Unterschied machen zwischen Bürger- und Völkerkrieg, zwischen äußeren und inneren Feinden. Für ihn gibt es nur einen Krieg, nur einen Frieden. Mit gleicher Macht erstrebt er den Frieden nach innen wie nach außen.

    2) Der Pazifist, der tiefer in die Beweggründe der Kriege schaut, geht noch einen Schritt weiter in der Beurteilung des Bürger- und Völkerfriedens und sagt, der Kriegsgeist, der Geist der Gewalt, ist ein Kind des chronischen bürgerlichen Kriegszustandes, der die Eingeweide aller Kulturvölker zerreißt. Wer diesen Geist bekämpfen will, muss ihn in erster Linie als Bürger im eigenen Lande bekämpfen. Der Weg zum Völkerfrieden geht über den Weg des Bürgerfriedens und nicht umgekehrt.

    3) Das, was die Völker und Volksklassen in Waffen gegeneinander treibt und immer getrieben hat, sind Dinge wirtschaftlicher Natur, die Notzustände schaffen oder vorherrschen lassen, und für diese Zustände gilt das Gesetz: NOT KENNT KEIN GEBOT. Die Not bricht nicht nur Eisen, sondern auch Verfassungen, Verträge und Bündnisse und setzt sich über alle moralischen, ethischen und religiösen Hemmungen hinweg. Nichts ist schließlich der Not heilig als der Kampf gegen ihre Ursachen.

    4) Auf die Beseitigung solcher Notzustände hat also der ernsthafte Friedenskämpfer sein Augenmerk zu richten, unbeschadet seiner etwaigen Überzeugung, dass der Frieden oder wenigstens der Friedenswunsch mit moralischen, religiösen und ethischen Mitteln auch noch gefordert werden könne.

    5) Der Notzustand, der zu den Kriegen treibt, hat wenigstens bei den heutigen Industrie- und Handelsvölkern seinen Grund nicht in einem naturgegebenen Mangel an Industrie- und Nährstoffen, sondern in unseren gesellschaftlichen Einrichtungen, die die Produktion und den Austausch beherrschen und die Arbeit tributpflichtig machen, wobei der Umstand noch erschwerend wirkt, dass zur Sicherung dieses Tributes der Produktion und dem Tausch Hemmungen bereitet werden müssen, die zu Krisen und Arbeitslosigkeit führen. Die gesellschaftlichen Einrichtungen, um die es sich da handelt, sind das Privateigentum an Grund und Boden und das herkömmliche, aus dem Altertum in unveränderter Gestalt von uns übernommene Geldwesen, dessen Mängel immer offensichtlicher geworden sind. Grund- und Geldbesitzer fordern Zins, sonst sperren sie der Produktion den Boden und dem Austausch der Produkte das Geld. Dieser Zins überträgt sich automatisch auf das gesamte Wirtschaftsleben und schafft das, was als Kapitalismus bezeichnet wird.

    Silvio Gesell (Stabilisierung des Bürger- und Völkerfriedens, 1928)

    Ein geistiger Tiefflieger wie Günter Grass wird das wohl bis zum Jüngsten Tag nicht mehr begreifen.

    http://www.deweles.de/intro.html

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    1. Ein menschlicher Faktor, auch in kritischen Auseinandersetzungen, dürfte das Ausbleiben von Absolutismen sein. Sie sorgen bestenfalls für eine Begrenzung aller Gespräche und sind ein schadender totalitärer Aspekt – selbst in scheinbar endgültigen Gedanken zum Pazifismus.

      C.R.Schulz
      „Der Künstler als Kritiker“

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