Montag, 16. August 2010

Martin Möbius. Eine Kultur der Kerne.




















Der feste innere Teil der Frucht ist ein Kern. Kerntechnik: das könnte konzentriertes Weitspucken bedeuten. Tut es aber nicht. Wie fliegt der Komet ohne Schweif? Als Kern. Das Wort hat vielfältige Felder des Gebrauchs. Der Kern allen Übels. Der Grund vieler Missverständnisse. Man denkt dennoch zumeist an Dekontaminationsversuche, weniger an eine lebendige Zukunft. Was ist des Pudels Kern? Zum Teufel mit der Kritik. Beim Austausch von Meinungen in Diskussionen fallen größere Mengen kontaminierter,  d.h. gesprächsverschmutzter Reststoffe an. Durch das Reinigen der Sprachhülsen wird vergiftetes Klima in argumentative Wertstoffe und restaktiven Abfall getrennt. Wie nennt der Jäger das Innere des erlegten Tieres ohne Haut? Kern. Noch aus der Zeit der Jäger und Sammler scheinen die Methoden der modernen Dekontamination zu stammen. Reste von Steinzeittechnik im Kernzeitalter. Zusammengebundene Stangen über einem Buschfeuer. Kernig. Behelfsduschen von Hornbach gegen die unüberschaubaren Folgen von Spaltungen. Kontrolle bleibt machbar. Die Idee von Schutz durch schlecht gekleidete Männer in Plastikanzügen. 
Der Kern des Lebens wird offiziell nicht mehr gesucht. Seine Bearbeitung wird gefordert, seine Nutzbarkeit erforscht, ohne um seine echte Lage zu wissen:
„Wart ab, Meister Pflaume! Es heißt Zäpfel Kern, weil es aus einem Tannenzapfen oder genauer aus einem Kern in einem Tannenzapfen gekommen ist. Aus einem Kern voller Leben, Meister Pflaume! Paß nur auf! Du wirst es schon merken!“  
Otto Julius Bierbaum hat das Märchen, das als Ausschnitt oben zu lesen ist, als eine Adaption des italienischen Pinocchio geschrieben. Seine Kunstfigur „Zäpfel Kern“ ist ebenso in Vergessenheit geraten, wie die allererste deutsche Autoreise-Erzählung von ihm mit dem Titel: „Eine empfindsame Reise in einem Automobil“, bei dem er als erster Autofahrer den Gotthard-Pass überquerte. Otto Julius Bierbaum alias Martin Möbius verfasste „Zäpfel Kern“ fünf Jahre vor seinem Tod 1910 in Dresden. 

Donnerstag, 29. Juli 2010

Burkhard Eikelmann meets Peter Karbstein






















Die Kunst wohnt mittlerweile ganz woanders. Das haben wir in früheren Beiträgen schon deutlich gemacht. Daher ist eine direkte, gemeinsame Kooperation zwischen Auktionshaus und Galerie, wie in diesem Fall bei der aktuellen Sommerverkaufsaktion von Eikelmann und Karbstein, im Rahmen des heutigen Kunstmarktverständnisses als völlig normal anzusehen. Die Aufmachung des Auktionskataloges ist bunt, sehr niederschwellig (siehe Bild oben) und in bester Flyertradition im kompletten Anti-Design gestaltet. Ein Einstieg in den Sammlermarkt, gerade um die alten Bekannten, wie Roy und Ramos bis hin zu den Richters und Polkes herum, scheint für jedermann machbar. Angst vor zu viel Intellektuellität und Vorbildung in den Galerie-Gesprächen braucht man bei Besuchen in der Eikelmannschen Galerie wohl nicht zu haben. Hier möchte jemand viele Bilder, egal welcher Provenienz an möglichst alle die zu Hause sind verkaufen. Das dürfen Galerien. Daran ist nichts Verwerfliches. Bei einigem Nachdenken könnte man diese Haltung sogar als ehrlicher empfinden als die vieler anderer Galerien, die mit angehäuften kunstgeschichtlichen Bezugsebenen in Ihren Produkten (diesen Ausdruck benutze ich bewußt) für interessante Desorientierung und Anerkennung beim heimischen Kunstverein zu sorgen versuchen. Aus irgendeinem Grund hat die Galerie Eickelmann bei den sich ernster nehmenden Galerien in Düsseldorf einen erstaunlich zweifelhaften Ruf ...  Das könnte an dieser Form der Direktheit liegen, die einfach sagt: sucht Euch einen Namen aus, hier ist das bunte Bild dazu und dann her mit der Kohle. Dabei ist das grosses Kino: Ausverkauf des Popterroirs. Runter mit den Preisen. Terror und Auflösung. Teures billig. Sprachlich wäre die Verbindung zwischen Galerie und Auktionshaus eine Auklerie oder ein Galeraus. Wie gesagt, die Kunst ist sowieso woanders, was solls?
Nix wie hin: three cents off.

The Big Summer Auction
Galerie Burkhard Eikelmann
Ackerstrasse 13, Düsseldorf

Noch einfacher geht es über diesen link die Auflösung des derzeitigen Kunstsystems sichtbar zu machen. Einfach klicken. Hätten Sie den Unterschied bemerkt?

Mittwoch, 28. Juli 2010

Traurig: die temporäre Kunsthalle Berlin

















Endlich. Eine temporäre Kunsthalle in Berlin. Großartig. Ein Umstand der endlich die Frage aufwirft, was denn eine Kunsthalle heute bedeuten kann. Ob man sich Begriffsbestimmungen überhaupt hingeben soll, bleibt dahingestellt, toll ist jedoch jeder Versuch einer solchen Selbstbestimmung und Hinterfragung. Traurig stimmt dann, dass es hier offensichtlich um ein Projekt ging, bei dem der Begriff temporär hiess, eine manifeste, eigentlich durchgesponsorte  Kunsthalle für einen exakt vorbestimmten Zeitraum zu konstruieren. Zusätzlich wurde erneut die altbackene White-Cube Idee eingesetzt. Ansonsten existiert ein für alle wieder erkennbarer traditionell grundmotivierter Kunstbetrieb, der wohl vor allem für die Öffentlichkeit erkennbar funktionieren musste. Kein wirklich mutiges Projekt, das am Selbstbild einmal zu rütteln versucht oder der eklatante Fragen nach der Kunstvermittlung stellt. Als Ergebnis kommt, wie im obigen Artikel beschrieben heraus, daß alles gut gelaufen ist und irgendwie nach Kunst aussieht. Der eigenartige Einwurf des Autors, eine Kunsthalle sollte nichts mit einem Discounter zu tun haben ist nur dann richtig, wenn der Discounter nicht näher an die Kunst heranträgt. Ansonsten ist so eine Aussage Quatsch. Interessanter als eine Kunsthalle mit dem Argument zu fordern berühmte Berliner Künstler würden nicht in Berlin ausstellen können, wäre der Versuch echte Alternativen im Sinne der Kunstvermittlung zu provozieren und ein Gebäude zu entwickeln das Temporäres augenscheinlich macht. Denn das Temporäre bedeutet Bewegung und Bewegung ist etwas Grundsätzliches. Das könnte dazu führen, daß man seine Artikel auch nicht mehr mit einem langweiligen Hinweis auf angeblich fehlenden Wettbewerb zwischen öffentlichen Kunstanbietern abschließen muss... Für wen ist das letztlich relevant? 
Das wäre eine gute Frage für den Sockel eines neuen temporären Gebäudes.


Mittwoch, 14. Juli 2010

Kunsthalle Bielefeld zeigt und Rirkit Tiravanija kocht


























Die offensichtliche Verwirrung des angeblichen „anything goes“ auf dem Sektor der Kunstreflexion führt manche Kuratoren in immer neue thematische Verirrungen und hinein in den starken Sog vollständiger inhaltlicher Schwerelosigkeit.  Bielefeld bespielt seine Kunsthalle mit einer Ausstellung  von Rirkit Tiravanija. Sie heißt – praktisch alles vorwegnehmend:„ Just smile, don't talk.“ Fluxus lautstark zu mögen und die Kunstferne der eigenen Kunst-Produktion als den Inhalt spiegelnd anzubieten ist ein stets süß bleibendes Geschenk aus der Mottenkiste revolutionärer künstlerischer Ideen. Zumal man den Besuchern sofort mit Suppe das meuternde Maul stopft und dies gleichzeitig als startende Kommunikation versteht. Bei einem Radio-Feature der Ausstellung erfährt man dann im Kuratoren-Interview auch einiges von den zum Kochevent parallel gezeigten großartigen Filmen, wie Fassbinders „Angst essen Seele auf“ oder „Die glorreichen Sieben“ als Spaghetti-Western. Über diese hochwertige filmische Qualität lässt sich gut sprechen – nur, was haben diese Filme wirklich dort zu suchen. Der Verdacht liegt nahe, daß hier auf sehr simple Art und Weise ein brüchiger theoretischer Überbau zusammengeklebt wird. Mit dem angesprochenen bigotten TV-Dinner für Kunstfreunde wird auf sehr schlichte Art die intentionale Einstellung des Künstlers durchgewinkt, der, in Deutschland und anderswo ein politisch unangreifbares und beliebtes Thema, die kulturellen Unterschiede und Formen der kulturellen Integration als sein zentrales Thema verstehen will. Aber aus der Farbe Blau der heissen Kochflamme oder dem Gelb-Rot des Curry ist eben nicht in jedem Fall ein Bezug zur Kunstgeschichte, geschweige denn zur Malerei zu konstruieren. Essen anzubieten und dies als Start eines Gesprächs über wichtige Fragen des Lebens in einen künstlerischen Zusammenhang zu stellen ist nur dann ein ernstzunehmendes Angebot, wenn sich weiterhin innerhalb des Bezugsrahmens fragen lässt, wo die Kunst denn im Spiel der Gewürze geblieben ist. Eine verkrampfte Verknüpfung durch Aussagen wie: „ Kochen ist Kunst“ und „Als Deutscher kocht man Flädlesuppe“ ist weder lustig noch ist es heutig; eine vertane Chance, baut sie doch letztlich auf dem Jargon von Rassen-Klischees und gesellschaftlichen Zusammenhängen auf, die sogar einer zynischen „pre–fab“ Einstellung, bezogen auf die künstlerische Sicht dieser Ausstellung, entspringen könnte.
Nach den Ausführungen lässt sich abschliessend bemerken, daß sowohl dem Künstler als auch den Kunstvermittlern die passenden Zuordnungen abhanden gekommen sind. Ein deutliches Indiz dafür, dass beide noch stets dem kulturell übergeordneten, veralteten, in Teilen unehrlichen Kunst-System verpflichtet sind. Man möchte Herrn Tiravanija zurufen: „Hey, Rirkit, draussen kochen! Da kommt mehr Luft ans Feuer ...“
Identität und kulturelle Integration köcheln weiter auf kleiner Flamme.


„Just smile-don't talk."  
 Rirkit Tiravanija,
Eintritt vermutlich inklusive Suppe,
Kunsthalle Bielefeld.

Dienstag, 13. Juli 2010

Der Künstler als Junge, Teil 1




An dieser Stelle werden spontane, unreflektierte Aussagen zur Kunst in den Diskurs über die Rolle des Künstlers und der Kunst eingebracht.
Einen geradezu klassischen Beitrag leisten hierbei zwei Schüler eines deutschen Gymnasiums, die beeindruckend klar meine Vorstellung einer neuen Generation von Stadtguerilla darstellen, die sie als sogenannte „citygangster“ in neue, deutlich aktuellere Formen des Widerstands überführen.
Dieser Film ist, auch in Bezug auf seine Stilistik und die benutzten stilbildenden Mittel, Kunstkritik in seiner wohl elementarsten Form.

H.A. Schult baut ein Haus aus Liebe.




























Der an sich schon griffige Ausdruck „Kunstmusikfestival Bergisch Gladbach“ hat noch einen zusätzlichen und selbstverständlich vorangestellten Namen: HA SCHULT. Das dreiteilige Festival findet an diesem Freitag seine Premiere vor Ort. Ein Klaviermarathon, ein Blick in die deutsche Seele und die Reise des Künstlers durch die Kunst sind die verstörenden bis verrückenden Themen des Abends. Der bis heute kontrovers diskutierte und querköpfig PR-orientierte Künstler ist anwesend und wird aktiv seine unbändige Energie in die abendlichen Prozesse einfliessen lassen.
Signierte Poster und eine Orginalgrafik sind in einer limitierten Auflage an diesem Abend erhältlich.

Kunstmusikfestival
Bergisch Gladbach

Freitag, 16. Juli 2010, 20:00 Uhr
Bergischer Löwe
Konrad-Adenauer-Platz
51465 Bergisch-Gladbach
Kartenreservierungen: 02202.38999

Donnerstag, 24. Juni 2010

NU_DECONTEMPORARY zeigt „fifteen“


























„madonnaboy“ aus der Serie „fifteen“, Fotografie, 2010
  
Mit dem aktuellem Projekt „fifteen“ eröffnet der Hamburger Fotograf Kai Peters einen emotionalen Zugang zu der als immer abstrakter erlebten Gefühlswelt Jugendlicher und junger Erwachsener. In den zumeist seriellen Arbeiten findet man – aller medialen Überfütterung zum Trotz – ein Höchstmass an menschlicher und fotografischer Intensität.
Kuratierung des Gesamtprojekts: Carsten Reinhold Schulz.
NEW_DECONTEMPORARY zeigt Fotografien auf der ART CONTEMPORARY RUHR zur Kulturhauptstadt 2010 Essen Zollverein, Halle C88 täglich vom 2.-4-July 2010. Besuchen Sie uns am Stand. Wir freuen uns auf Sie und auf viele Gespräche.
Informationen und persönliche Einladungen: +49(0)173.24 054 78

Montag, 7. Juni 2010

Day of song: das Ruhrgebiet als Nordkorea?





















Möglicherweise ist die Überschrift leicht übertrieben. Natürlich kann es schön sein, wenn Menschen aller Generationen zusammen singen. Da entsteht ein gewaltiges Gefühl. Singen ist ja an sich ein befreiendes Unterfangen. Mich erfüllt es ebenfalls mit ganz großen, aber eher merkwürdigen Emotionen, wenn ich bei der Ruhrgebiets-Sing-Zusammenkunft im ausverkauften Stadion den pseudo-solidaristischen Text: „... was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen ...“ und dann gleich als nächste Textzeile: „... nur, wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang ...“ hören muss. Da wird mir persönlich speiübel und den politisch Verantwortlichen aller Couleur lacht das Herz, bei soviel medial eingetrichterter Nachsicht. Als nächster Tiefschlag dann der eigentlich geniale aber mittlerweile etwas gutmenschelnde-Quoten-Schwarze Bobby McFerrin. Er darf auf „Let it be.“, bisweilen schwummerig, aber in seiner allseits beliebten Manier ein wenig improvisieren. „Let it be.“ heisst letztendlich: „Schwamm drüber.“ Ein Text, der von mir nicht kommentiert werden muss und den im Stadion alle singen konnten. Glück gehabt, dass das Lied „Die Wacht am Rhein“ nicht mehr zum allgemein bekannten Liedgut gehört. Aus praktischen Erwägungen hätte man möglicherweise auch dieses Singmotiv noch ins Auge gefasst. Kurz bevor ich die Übertragung zur besten Sendezeit ausschalten wollte, erscheint ein hochmotivierter Herr im Anzug und teilt das Stadion in vier Gruppen und alle singen sodann im Kanon: „Hejo, spannt den Wagen an ...“ Endlich wurde also auch der Wunsch nach einer Steigerung des Bruttosozialprodukt direkt musikalisch in Szene gesetzt. Auch dieses Lied wird frenetisch bejubelt und besungen. Nur fehlte, für meinen Geschmack, die schöne Ironie des bekannten Liedes von „Geier Sturzflug“ aus den 1980er Jahren. Jajaja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt. Wer hat die Liedauswahl bei diesem Sing-Sang vorgenommen? Ein Parteienausschuss? Und wieso wird für ein solches Spektakel die allerbeste Sendezet bemüht, wieso taucht man diesen Liedabend nicht – wie die Sendung des philosophischen Quartetts – in die dunklen Sendeschatten nach Mitternacht? Dort werden die wichtigen Fragen und Zusammenhänge dieser Gesellschaft normalerweise besprochen. Der profane Grund dafür ist: ein nordkoreanisch motivierter Singabend ist der leichtere Weg,  die Menschen in Deutschland weiterhin unterschätzen zu dürfen. Nur durch dieses Unterschätzen und Kleinhalten, es wird bezeichnenderweise Unterhaltung genannt, mit sprachlich schwurbelnden Minimalmotiven und Ansätzen aus der musikalischen Larifariküche lässt sich auf breiter Ebene das Eigenbild der politisch Verantwortlichen Gruppen bewahren, sie würden gut für alle sorgen und alle wären zufrieden. Es wird ebenso stetig deutlicher, das die Kulturmacher ihre ehemals freie Rolle längst aufgegeben haben und sich der sozialen Unterdrückung durch Mittelmass und eine monströse Verkennung ihrer veränderten Aufgaben schuldig machen.


Sing it again, Sam.

Montag, 31. Mai 2010

Ruth Leuchter, die Erste.




















Han Schuil, Martijn Schuppers und Ab van Hanegem. So heißen die drei niederländischen Künstler die Ruth Leuchter als erste in ihre neuen Galerieräume an der Lindenstrasse gelassen hat. Ab van Hanegem ist es zugefallen, die Ausstellung trotz oder gerade wegen eigener Beteiligung zu kuratieren. Die Niederlande scheint an diesem Abend omnipräsent  zu sein, Flingern und sein kreatives Flair hat immer noch mehr Fahrradfahrer als jeder andere Stadtteil Düsseldorfs. Galerien mit Traute sind in Düsseldorf insgesamt nicht richtig beheimatet, da freut es um so mehr, wenn sich Galeristinnen ansiedeln, die eindeutig gute Arbeiten von schlechten unterscheiden können. Ruth Leuchter ist mit Lust und Verstand bei der Sache. Das zeigen die liebevoll umgestalteten Räume, die bereits als  Präsentationsfläche für Off-Kunst erprobt waren. Nicht zu vergessen: der entzückende Hinterhof. Die Verteilung der Räume wirkt einladend persönlich und ist ein schöner Kontrast zu den immer musealer werdenden Wirkungen die manche Galeristen zu erzielen versuchen. Ruth Leuchter zeigt sich offen, vorhanden, ist symphatisch ansprechbar und ohne Berührungsängste inmitten einer Kiez- Umgebung, die sich als gutes Kunstumfeld für jüngere Galerien immer wieder beweisen muss. Ab van Hanegem, der eine sehr sichere Hand bei der Kombination von Raumwirkungen durch malerische Gesten und der Nutzung von Schablonentechniken hat, die übrigens auch gerne in der Streetart Verwendung finden, verbindet seine farbig-gelösten Bilder mit den eindruckmachenden, signalhaften Arbeiten auf Aliuminium des 1958 geborenen Han Schuil. Was diese Maler zusammen ausstellen lässt ist etwas schwer zu erkennen. Han Schuil kombiniert überzeugend Wirkungen und Material aus der jüngeren Kunstgeschichte, Ab van Hanegem ist in der Lage, beinahe surrealistische Assoziationsräume auf überraschende Art zu umgehen. Das kann beides richtig Spaß machen. Der dritte Künstler ist Martijn Schuppers, der, ich möchte es lapidar ausdrücken, eine Art emulsionsgesteuerte Malerei bevorzugt. Das Ergebnis ist so etwas wie ein schönes Bild, über das man eigentlich nicht mehr sprechen kann und das damit Anlass zur Entwicklung eines theoretischen Überbaus evoziert.
Insgesamt jedoch eine gelungene Ausstellung der Galerie Ruth Leuchter, die mit einem einzigen Künstler möglicherweise einen klareren Auftritt hätte verbuchen können. Dieses künstlerkuratierte Experiment zeigt aber den seltenen Willen zum Neuland und lässt in das noch zu erwartende Spektrum der Galerie schauen. 
Auf jeden Fall selber ein Bild machen. 
Empfehlenswert.

hermannstr. 36 / ecke lindenstr. | 40233 düsseldorf
phone: +49 (0)211 32 97 91
mobil: +49 (0)172 2 70 39 42
fax: +49 (0)211 13 20 91
Di-Fr. 13.00 - 18.00 Uhr
Sa.    13.00 - 16.00 Uhr

Freitag, 28. Mai 2010

Über-Ich, Übermüll.























So man will, ist es das Unbedeutende das Auskunft geben kann. Was unbedeutend sein soll, wird durch entsprechende Vorteile zur Durchsetzung persönlicher oder gesellschaftlich angedeuteter Ziele bestimmt. Vorteile sind dabei die zumeist kurzsichtigen Attribute von Einfluss und Wohlergehen. Sie werden durch massive Werbeunterstützung medial vorgelebt und mutieren – so schlicht sind wir gestrickt – zu sogenannten guten, bzw. präsentablen Lebensvorstellungen. Da für die meisten Menschen das Leben kurz wirkt, vermutlich weil sie die lebensverlängernden Momente von Stille mit denen der Langeweile verwechseln, ist schnelle Konsumption längst Routine. Produkte zu nutzen bedeutet, im Jahre 2010 trotz aller Aufklärung mehr denn je, auch den Abfall durch seine Finanzierung beim Kauf mitzuproduzieren. Diese Ummantelungen, Schachtelungen, Verpackungen, Einschnürungen, Dämm- und Dämpfungsmaterialien lesen sich bereits als Begriffe wie tiefenpsychologische Deutungen heutiger Lebensmodelle. Schneller Verbrauch ermöglicht die mentale Verdrängung einer sich stets wieder einfordernden inneren Leere. Konsum westlicher Prägung dient damit der Unterdrückung von systemerneuernden Ideen und Ressourcen. Reste des Konsums heißen nach unserem Sprachverständnis derzeit noch: „Müll“. Die mit unfassbaren Verrottungszeiten ausgestatteten Entsorgungsprodukte glitzern zunehmend als Plastik auf den Meeren dieser Welt und formen sich mit Hilfe von Wind und Gezeiten zu bis in den Weltraum hinaufspiegelnden Inseln unseres Seins. Als Masse ist Müll somit das umfangreichste kulturell motivierte Produkt unserer offensichtlich auf Vereinigung zielenden Zivilisationen.
Als Signal für notwendige Transformationen ist er ein Indikator der wichtigsten Zukunftsentscheidungen und ebenso erschütternder Beweis menschlicher Borniertheit, Arroganz und Schwäche.
Schwäche ist somit das Material jeder wichtigen Kunst im 21. Jahrhundert.

SAVE THE BEACH
Visit the
Beach Garbage Hotel
Reception
Thursday, June 3rd, 2010, 7:00 p.m.
Sant Angelo Castle, Rom, Italy

Montag, 17. Mai 2010

Die Versuchungen eines jungen Kurators



















Formen verschleiernder Rhetorik  haben längst auch einen festen Platz im Handwerkszeug des Kurators bildender Kunst erhalten. Wie entstehen eigentlich die auratisch scheinenden Titel der großen und kleinen Kunstausstellungen? Die Würfe und grossen Gesten des Musealen? Um allen interdisziplinär Interessierten Einblicke in die Methodik dieser wichtigen und nicht zuletzt sprachlich teilweise regelrecht wunderlichen Findungsprozesse zu geben, werde ich hier mehrere unterschiedliche Titel inklusive der zugehörigen Subline veröffentlichen. Daran lässt sich vieles ablesen, z.B. die politische Ausrichtung der Museumsleitung, ohne Details interpretieren zu müssen. Entsprechende Zuordnungen und Bewertungen sind dann einfach. Versuchen Sie es nach der Lektüre selbst mit Eigenfindungen. Als Novum und Bonus werden die unten genannten Titel frei nutzbar ab dem 01.06.2010 und für ganz junge Ausstellungsmacher kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Kongruenz und Doppelung des Femininen
Die jungen Malerinnen des Bernauer Kreises

Blüten des Brachialen: Actionpainting und Körperkult.
Die frühen Serien des Ludger Horvaldson

Die Ächtung der Farbe.
Exkursionen durch die lange Herrschaft des Materials

Portrait und Selbsterhaltung.
Vierzehn Bild-Studien zu einer ungenauen Entwicklung um1980.

Trauma, Dada, Surrealismus:
das Unbewusste als Zweifelraum

Kultus und Zensus.
Die Vormundschaft der Erhabenheit.

Architektonisch orientierte Miniaturen.
Transatlantische Reliefs und Prägedrucke des 21.Jahrhundert.

Im Fremden die Zeichnung.
Bilder interdisziplinärer Distanzierung.

Flags, Constructions, Images.
Johns meets Tatlin.

Collage und Décollage:
Die obskuren Bildwelten Oswald Bidelens

Kunst als manifestierte Bewegung.
Die déformation professionelle in der aktuellen Kunst.

Brüder und Bluter.
Das Theater der Geschwister Blundhorst

L’ Harsch Gummé
Fetischbilder als Kulturtechnik der Unterdrückung

Dienstag, 27. April 2010

Walking the Art Cologne 2010


















Die Art Cologne ist fast wieder rund und das Rheinland ist nicht kleinlich. Alles findet sich. Alle haben sich schon mal gesehen. An jedem dritten Stand winkt Imi Knoebel mit einem farbigen Unterarm und an jedem zweiten Messestand ein hölzerner Balkenhol. Ein solches Überangebot irritiert aber nur die letzten Gutgläubigen, die meinen, eine Kunstmesse habe vorrangig mit Einzigartigkeit zu tun. Imi und Stephan gehen halt gut ... Das Klima auf der 2010er Kunst-Messe ist deutlich gelöster als noch vor zwei Jahren. In dieser Zeit fraternisierte man nicht mit den Galerie-Konkurrenten, die mittlerweile wieder Mitbewerber heißen. Man ist voll Liebe für den Anderen und deutet ein einladenes Lächeln an. Tatsächlich dürfte dieses Klima für eine Messe wie Köln immens wichtig sein. Die immer für Überraschungen bereite Galerie Steinek aus der Wiener Eschenbachgasse, aus dem übrigens gut vertretenen Österreich, hat ihr letztes Fernbleiben auch mit dem Erkalten der Gefühle zwischen den Kunst-Anbietern zu erklären versucht. Ich habe ihr sofort geglaubt. Die eben genannte Galerie gehörte auch zu den Ständen, die definitiv einen zweiten Blick lohnten. Mit Clemens Wolf wurde ein Künstler mitgebracht, der aus dem derzeit interessanten und schwierigen Terrain der ehemaligen Illegalität Wege sucht, einmal erfundene Bilder der sogenannten Street-Art weiterzuentwickeln und an die Geschichte des Tafelbilds wieder anzudocken. Das ist ein wichtiger und sehr jetziger Ansatz, nicht nur ein wirkliches - weil kaum merkliches - Spiel mit der Monochromie. Man kann bei diesem Künstler die Ernsthaftigkeit seines Tuns daran ablesen, dass seine Malerei stark aus urbaner Tiefe und gleichzeitig aus einem versuchenden Spiel schöpft. Überzeugende Bilder, platziert hinter einer etwas überzogen wirkenden goldenen Installation, die man zum Betrachten der Bilder erst überwinden musste.
Wenn der Besucher schließlich die Küsschen-Schwärme und schwirrenden Fotografen der für all ihr Tun belohnten Gruppe Grässlin – mit einem sehr schönen Herbert Brandl – hinter sich gelassen hat und danach das gleichbleibend mechanistische Weltbild des  Konrad Klapheck bei der Bank von Schönewald & Beuse überwindet, entdeckt bei der Hamburger Galerie Levy plötzlich einen interessanten Menschen und Künstler: Friedrich Einhoff. Bilder mit Sensibilität, eine moderne, sinnhafte Auseinandersetzung mit dem Menschenbild, eine poetische Tiefe ohne Übertreibung und ohne Anbiederung. Kaum zu glauben und weitgehend unbekannt.
Dann geht es schon weiter mit den vollständig überbewerteten Bildern von Katharina Grosse bei der Galerie Nächst St. Stephan. Eigentlich findet man nur etwas unfreiwillig Amateurhaftes darin. Ein Eindruck der vielleicht mit einem auf Kunsthallengröße aufgeblasenen Format wieder verschwinden kann. Zum Glück hat auch diese Galerie schlauerweise den talentierten Brandl als Ausgleich mitgebracht. Überzeugende Arbeiten beim Auftritt der Galerie Onrust aus Amsterdam, deren programmatischer Name allerdings erstmal an ein wilderes Konzept denken lässt. Unbedingt denkenswert die Arbeiten Anish Kapoors bei Paragon Press aus London. Seine Radierungen „Untitled from shadows“ treten als wirkliche Ideen auf. Wenn alle nur zitieren und Bezug nehmen sind echte Ideen selten.
Überaschungen hat keiner gesucht und auch keiner gefunden. Eine Menge Galerien aus dem Rheinland ließen sich international finden. Die Nähe zur Kulturhauptstadt 2010 mit dem angeblich an Kultur so reichen Ruhrgebiet ließ sich dagegen überhaupt nicht bemerken. Zwei Galerien waren da: Utermann aus Dortmund, Schlag aus Essen - war Essen nicht auch Kulturhauptstadt?
Egal: Köln ist für einige Tage wieder Cologne gewesen und dann eben eine ganze Welt für sich.

Montag, 26. April 2010

Art Cologne und der Galerist des Jahres























Christian Ehrentraut aus Berlin war der überzeugendste und in diesem Fall lachende Prototyp bei unserer Suche nach dem Galeristen des Jahres 2010. Zu erleben war die Galerie mit der klaren Ansprache gerade auf der Art Cologne, hier zu sehen in Arbeitshaltung am Stand vor den Bildern von Franziska Holstein. Die aktuelle Ausstellung in der Berliner Galerie Christian Ehrentraut an der Friedrichstrasse zeigt Tilo Baumgärtl. Ausstellungsdauer: 10.04.-05.06.2010

Die Laudatio zur Verleihung des Titels „Galerist des Jahres“ wird an dieser Stelle in Kürze schriftlich veröffentlicht. Der Titel „Galerist des Jahres “ wird vom neuen Kunst- und Galerienmagazin GALPORT und diesem Blog zur Kulturkritik gemeinsam vergeben. Bitte beachten Sie auch folgenden Link zur Galerie Ehrentraut:

www.christianehrentraut.com

Montag, 12. April 2010

Burning Rembrandt























An meinem 47-sten Geburtstag habe ich einen Film von Jannik Johansen gesehen. Es geht um folgendes: Hauptperson des Films ist Mick. Er ist zufällig ebenfalls 47 Jahre alt und ein desillusionierter Dieb. Mick stiehlt, mehr aus Versehen, den einzigen „Rembrandt“ Dänemarks. Als das Werk nicht mehr verkauft werden kann, breitet sich Panik aus. Um nicht eingesperrt zu werden, soll die Kunst schließlich verbrannt werden. Eine Wahnsinns Idee.
  
Künstlerische Werke aus Gründen des persönlichen Selbstschutzes zu zerstören ist in der fatalen Konsequenz deshalb interessant, weil automatisch die Frage nach dem Wert von Kunst gegenüber der eigenen Existenz und Freiheit gestellt wird. Im Vergleich womit also zeigt sich der tatsächliche Wert eines Kunstwerkes?
Jede weitergehende gesellschaftliche Verantwortung einmal hintenan gestellt:
ein Szenario scheint vorstellbar, bei dem die Selbstbestimmung eines einzelnen Menschen mit der vollständigen Zerstörung eines singulären Kunstwerkes ohne Gewissensbisse aufgewogen werden kann. Hunger, nur um ein weiteres Beispiel zu nennen, wäre ein ähnlich gültiges Motiv. Ist der gebliebene Phantasieraum unserer gemeinsamen kulturellen Realität für diese Art von Vorstellung ausreichend? Ist der Hunger groß genug?
Wie hoch könnte der Schaden schließlich sein? Wer möchte das Taxieren dieser Werte übernehmen, any Volunteers? Hände hoch! 

Montag, 29. März 2010

Theater machen. Schliessen. Feuern.

















Verwundert. Erstaunt. Empört. Das, in etwa, sind die Reaktionen der oft zitierten Kulturmacher auf die Ankündigungen vieler Politiker mit dem Kulturverfall ernst zu machen. Nicht nur die deutschen Theater sind davon betroffen. Reaktionen von Freunden des Kulturbetriebs, die auch phonetisch nicht weit entfernt sind von den immergleichen Worthülsen der politisch Verantwortlichen, die längst ein konzentriertes Lager aus opportunistischen Kurzsichtigen abgeben. Na klar, es wird gespart, rundherum, speziell an der Kultur, Kultureinsparungen lassen sich bei den vorgestellten Bild-Lesern einfacher, „liquider“ beschönigen. Warum wohl sonst das schwächste Glied in der Kette staatlicher Finanzierungsmodule nehmen?
Die Distanz von Hemd und Hose. Eine schnell als Headline postulierte Angst, es wäre demnächst kein Schiller, Shakespeare oder Kleist mehr an den deutschen Spielstätten zu hören und die Kultur werde verrotten ist jedoch übertrieben. Hier scheint man nicht mehr an die Kultur zu glauben, sondern nur noch an die Ernte. Anpassungsfähigkeit ist eine Bedingung zu jeder Zeit, auch für die immerwährende Selbsterneuerung.
Ein Beispiel: In der Musikindustrie haben die Zeichen durch MP 3 und illegale downloads sehr lange auf Sturm gestanden. Jetzt ist klar, die Bands müssen wieder auf Tournee gehen, sie müssen sich das Geld mit Bühnenauftritten verdienen oder auf der Strasse spielen. Das Internet hat sich dabei als mediales Anschubverfahren angeboten und es wird genutzt. Musik ist vielfältiger und sichtbarer geworden.
Eine Version könnte sein: auch das politische Theater fährt über die Dörfer, kulturelle und politische Bilder werden eigenständig, die Monopolisierung der selbsternannten Kulturstädte schwindet und selbstgeformte kulturelle Kräfte entstehen in Regionen, von denen niemand irgendetwas erwartet hat. Unkontrolliert und kraftvoll. Verstörend und Respektlos. Direkt und schön. Das hat Umschichtungen zur Folge; auch die der Pfründe und Verbindungen. Die neuen Schichtungen in der Kulturlandschaft liessen womöglich präziser nachdenken, auch über Werte und alles was uns menschlich zusammenhält. Denn die Kultur sorgt für diesen Zusammenhalt und nicht die ausgegebenen Parolen der politische Sachverwalter. Das hat nicht bei Kohl funktioniert und wird es nicht bei Merkel, die ebenfalls nicht in der Lage scheint ihre Machtfülle mit gesellschaftlich relevanten Zielen so zu koppeln, daß „Wachstum“ nicht immer nur auf den Wirtschaftapparat bezogen werden müsste. Zu den entscheidenden Werten gehört die schnelle Entscheidung darüber, ob man den zukünftigen Generationen unserer Gesellschaft verlängerte Kernkraftwerkslaufzeiten – ohne mit der Wimper zu zucken – aufbürdet. Ob das Nachfünfundvierzig-Deutschland tatsächlich auch im jungen Jahrtausend wieder beim Export von Waffen an einer der ersten Stellen stehen sollte. Ob es richtig sein kann beim Schutz der Erde eine geradezu schamlose Nachlässigkeit an den Tag zu legen. Wundervoll wäre dagegen die Vorstellung eine autark aufgebaute und vom Staatsäckel unabhängige Kultur könnte Modell sein, auch gegen die unmenschliche Praxis das Recht auf sinnvolle Arbeit mit dem Anspruch auf irgendeine belanglose Tätigkeit zu verwechseln, die Menschen temporär ruhigstellen soll, jedoch keine Perspektive vermittelt. Nach Maßgabe dieser kleinen Entwürfe darf man die Theaterschließungen mit anderen Augen betrachten. Wären da nicht die lautstark protestierenden Kulturvertreter, die jetzt als eben solche sichtbar werden. Sie werden den Protest weiterhin in käsiger SPD-Manier in Demonstrationen tragen und die Kraft der Entwicklung, mit bestem linken Gewissen und ohne weitere Reflektion auf dem Tellerrand der Kulturpolitik zermahlen.
Visionen gehen wohl anders: Vorhang auf für eine weitere eingeschlafene Revolution ...

Donnerstag, 11. März 2010

PHÄNOMENAL zeigt junge Kunst in der WGZ Bank
























 Eine Kunstausstellung „Phänomenal“ zu nennen, erzeugt natürlich eine regelrechte Begriffsautobahn, auf der sich Goethe, Lambert, Husserl oder Heidegger mit den zugehörigen phänomenologischen Einsichten in ihren intellektuellen Karren gegenseitig überholen können. Eine regelrechte Freude für Kuratoren und Kulturjournalisten. Letztendlich geht es auch bei diesen Philosophen einfach nur um Wahrheit, Irrtum und Schein, um die Wahrnehmung all dieser Dinge. Unmittelbarer kann man die Wesenheit von Kunst mit ihren Unsicherheiten derzeit nicht auf den Punkt bringen.
Wenn sich die diesjährige, von der WGZ Bank Düsseldorf bereits zum dritten Mal durchgeführte Ausstellung von Meisterschülern und Absolventen der Kunstakademie Münster gut in das kulturelle Klima eingebettet zeigt, muss das an vielen funktionierenden, qualitativen Faktoren liegen.
Wer zuhörte, konnte bereits bei der Eröffnung festzustellen, dass für die Kunst-Verantwortlichen der Bank Sensibilität und Veränderung offenbar erwünschte Größen sind. Das verdient gerade in dieser Kombination Respekt, das sortiert sorgsam gepflegte Vorurteile aus. Die Eröffnungsansprache von Bank-Kulturchef Thomas Ullrich war kurzweilig und klar, wie die folgende Einführung von Prof. Ferdinand Ullrich eben diesen Namen absolut verdiente. Er steuerte den hochinteressanten Katalogtext bei, der sich sensibel mit den Lebens-Bedingungen von Künstlern und den Lehrinhalten in Akademien auseinandersetzt. Das verdient Beachtung, denn solange es solche profunden Überlegungen an Kunstakademien gibt, dürften Gedanken an die Abschaffung dieser freien Ausbildungsstätten obsolet sein.
Zusammengestellt wurden Künstler und Kunstwerke von Ralf Hartweg und Wolfgang Spanier, die Ihr kuratorisches Können durch ein hohes Maß an Künstlernähe und der erstmaligen, überfälligen Einbettung von anderen künstlerischen Medien wie Fotografie und Video gut zeigen konnten. So waren auch Reflexionen in Richtung Malerei möglich, die selbstreferentiell mittels des guten alten Tafelbild nicht möglich gewesen wären – Beispiele sind da z.B. die Fotografien Jörg Linnemanns oder die Mixed-Media Video-Arbeit von Anja Claudia Pentrop.
Künstler die gerade ihr Studium abgeschlossen haben, müssen nicht fertig sein, der zusätzliche Reiz ihrer Arbeiten liegt in der noch vorhandenen Offenheit und in der Nähe zum Experiment. Um so mehr freut bei dieser Ausstellung, neben der Freude über das Fehlen plakativ-extremistischer Werke, die sich immer wieder anders zeigende große Klasse mancher Bilder und Skulpturen. So wirkt die Elefanten-Plastik von Sun-Hwa Lee gerade aufgrund ihrer scheinbaren Einfachheit des Ansatzes oder wegen der verunsichernden mitteleren Größe, lange im Kopf nach. Anfängliche Zweifel weichen jedoch bald der Einsicht, das die Künstlerin hier auf geheimnisvolle Art alles richtig gemacht hat. Genauso bemerkenswert sind die etwas verstörenden Fotografien (und Performances) von Bianca Voss. Durch reale Widergängermodels aus Comic/Film oder der Einbindung der eigenen Person spielt sie gekonnt und ohne plakative Übertreibung mit unseren Vorstellungen und den Rollen in der Fotografie. Eine malerische Entdeckung ist auch Marianne Völker und Daniela Neuhaus (Bild oben), die gerade mit kleineren Formaten nachhaltige Wirkung hinterlässt. Die Ausstellung  ist demnach gelungen, was selbst durch die etwas schwierige Raumsituation, einen durch vier Eckstellwände nach innen verdoppelten Raum, nicht verhindert wird. Diese Aufteilung ist vermutlich dem fulminanten Andrang bei der Eröffnung geschuldet. Somit hatten die etwa 400 anwesenden Besucher, von denen etliche als Größen des nationalen und internationalen Kulturbetriebs identifiziert werden konnten, ausreichend Platz, um eine gelungene, mit spannenden Positionen versehene Ausstellung durch ihr Kommen zu fördern. Denn der Fördergedanke und die Nähe zu den Akademien Düsseldorf und Münster ist es schliesslich, der diese Ausstellungsreihe vor sechs Jahren begründete.
Um den Kreis zu vollenden, möchte ich mit einem philosophischen Begriff aus der Theorie der Phänomene, der sogenannten „Abschattung“, die einen so deutlichen Bezug zur Malerei hat, zum Ende kommen. Sie bezeichnet die Tatsache, das wir Menschen die Dinge nie mit einem Blick vollständig werden sehen und erfassen können, was in der Perspektive, also unserem Standpunkt begründet liegt.
In Bezug auf die Lebendigkeit der Kunst ist dies ein durchaus nützlicher Umstand. Er wird hoffentlich junge Künstler weiterhin motivieren, die sich abdunkelnden Erkenntnislücken phantasievoll zu beleuchten.
Empfehlenswerte Ausstellung.


Die Künstler:
Jihoon-Ha, Sujin Kim, Barbara Kupfer, Sun-Hwa Lee, Jan Linnemann, Daniela Löbbert, Nico Mares, Bettina Marx, Daniela Neuhaus, Anja-Claudia Pentrop, Marianne Völker und Bianca Voss wurden zur Präsentation bei „Phänomenal“ ausgewählt.
Die Kuratoren:
Ralf Hartweg (WGZ Bank), Wolfgang Spanier
Ausstellungdauer: 10. März – 16. April 2010, WGZ Bank Düsseldorf

Ein Katalog zur Ausstellung „Phänomenal“ mit Texten von Prof. Ferdinand Ullrich ist erschienen:
 ISBN 978-3-00-030320-3

Samstag, 6. März 2010

Galerie Christian Nagel und die Dummheit



















Die derzeit laufende Ausstellung in der Kölner Galerie Christian Nagel beherbergt Bilder von D. Sittig. Die eigentlich angenehm unprätentiös und unaufdringlich wirkenden Galerieräume zeigen ein wenig wahllos verteilt graue Malereien auf Tafelbildern in ansatzweise pastos wirkender Manier. Man kann nicht allzuviel dazu sagen, was nicht schon des öfteren zu solchen und ähnlichen Bildern gesagt worden wäre – auch die wohl konzeptuell angedachte Beschränkung auf Stil und Farbwirkung wirkt forciert. Der schriftliche Hinweis, es handele sich dabei um Aussagen zu „Dekade und Dekor“ verspricht jedoch eine theoretische Unterfütterung des Ganzen. Obwohl an der Arbeitsbar der Galerie zwei Personen Datenmaterial in schöne iMacs hackten, fand sich niemand bereit einige Worte über die Ausstellung oder den Hersteller der Arbeiten zu verlieren. Als einziges Material war ein Pressetext zu erhalten, der mit einer geradezu grotesken Inhaltsleere beeindruckte. (Er kann bei Interesse über diesen Blog als Kopie des Orginals angefordert werden)
Einen solchen Text auf Besucher, Interessierte, Kunstfreunde und die Presse loszulassen, offenbart das Lässige der Präsentation schnell als tiefste Nachlässigkeit und bodenlose Leere des Auftritts. Hier scheinen sich die Haltungen des Malers mit denen der Galerie zu decken.
Bis jetzt hatte ich die Galerie Nagel für eine professionell arbeitende Galerie gehalten, dieses Bild lässt sich nicht mehr aufrecht erhalten. Kompetenz und Sensibilität lösen sich in einem solchen Text auf zu einem giftigen Gebräu der Unseriosität. Es lässt sich mit Komik nicht mehr aufhübschen. Das tatsächlich (es folgen Zitate): „Entsetzen Nostalgie“, eine ominöse „Rektalanamnese der Zeit“ und die „Provokation forcierter Relikte“ eine „zweifach gerichtete Bewegung als solche“ erst ermöglichen ist genauso unwahrscheinlich blöd, wie auch „... eine Ausstellung, die obwohl nur Bilder, eigentlich keine am besten zeigt“ (grammatikalisch insgesamt bedenklich).
Das lässt jeden wirklich Interessierten fahrlässig, früher nannte man das „verarscht“ zurück. Da ist auch mit viel Wohlwollen keine künstlerische Haltung zu finden die vielleicht im positionierten Desinteresse, falls es so etwas überhaupt gibt, münden oder aufgefangen werden könnte. Eher hat man die Empfindung, hier versucht man zu beweisen, das sich veraltete malerische Positionen und Desinteresse an allem Lebendigen, unschwer auch noch besoffen, bekifft oder total gelangweilt in ein Konzept heben lassen.
Es gilt: je höher das Äffchen steigt, desto freier es sein Ärschlein zeigt. Es gibt etliche Galeristen die mit Kompetenz, Überzeugung und harter Arbeit für Ihre Künstler und auch ihre sinnvolle Vermittlung einstehen. Davon sollte es mehr geben. Von solchen Texten weniger.
Die Galerie Christian Nagel ist derzeit nicht zu empfehlen.

Mehr zur Dummheit.

Donnerstag, 4. März 2010

Schwarzarbeit als Alternative zu Olympia



Es gleicht einer regelrechten sportlichen Befreiung, zu sehen, wie das hier kaum praktizierte Schwarztheater ein simples Tischtennisspiel zu einem aus der Zeit und dem Raum gehobenen Kunststück macht. Die Vermeidung der totalen Illusion ist dabei genauso schön wie der plötzliche Perspektivwechsel bei dem man als Zuschauer in die Vogelperspektive geschossen wird. Die olympischen Spiele hätten einige lustvolle Momente und Erkenntnisebenen mehr. Und das die Gewinner immer schon vorher feststehen macht die Sache noch symphatischer. Sinnvolle Schwarzarbeit.

Montag, 1. März 2010

Micatone und Tindersticks in Düsseldorf



















Das ZAKK ist als Spielort für eine Band nicht immer ein schönes Erlebnis, zeigt sich die Halle oft als unsinnlich und als emotional etwas schwer aufzuheizen. Das hätte an diesem Abend jedoch auch an der kruden Publikums-Mischung aus geschminkten Spätintellektuellen und gehemmt-blasierten Sozialpädagogen liegen können, um nur ein paar schwer bewegliche Vorurteile zu benennen. Immerhin spielten die als legendär eingestuften Tindersticks auf, die mit sehr wenigen Plakaten in Düsseldorf, ohne Nennung des Support-Acts angekündigt waren. Fans mögen das Legendäre an den Tindersticks nachvollziehen wollen, ich höre mir nach diesem Abend wieder verstärkt die Gruppe Lambchop an. Warum die Fälschung nehmen, wenn man auch das Original hören kann. Das ist letztendlich spannender instrumentiert und arrangiert, der Sänger stirbt nicht permanent so offensichtlich theatralisch und der Rest knödelt auch nicht mit angezogener Handbremse vor sich hin.
Nein, schlecht war es trotzdem nicht. Die Zugaben waren von echtem Gefühl getragen, da hätte es losgehen können, aber da war eben schon wieder Schluss.
Last-but-not-least: früher hieß man Vorgruppe, heute ist das ein Support-Act und der wurde von der Band MICATONE aus Berlin geleistet. Ich sage geleistet, weil der Auftritt eine schöne, klare musikalische Leistung war. Sängerin Lisa Bassenge brachte beim Auftritt gleich eine glitzernde Spur Klasse und laszive Eleganz ins pseudo-linke ZAKK, die Band mit Boris Meinhold, Paul Kleber, Hagen Demmin machten professionell musikalischen Ernst. Irgendwie kam mir die Stimme der Sängerin bekannt vor, aber erst als ich schon wieder zu Hause war habe ich meine sträfliche Wissenslücke füllen können: die als New German Chanson selbst vom Mainstream-Magazin Stern gefeierte Band Nylon, ist eine weitere musikalische Heimat der Mitglieder von Micatone. Das Lied des Abends war vielleicht „Pearldiving“. Ich kann mich gut daran errinnern, weil es überhaupt nichts pomadiges hatte und diverse brilliante Sängerinnen in meinem Hirn vorbeischauten um die Band zu beglückwünschen. Allen vorgetragenen Songs wünscht man vielleicht noch etwas mehr Brechung, dann umschifften sie noch sicherer die entfernte Klippe eines möglicherweise zu poppig-glatten Vortrags. Es gibt über Micatone viele interessante Dinge im Netz zu entdecken: z.B. Auftritte in Berliner Yogastudios mit Falke Legware als Sponsor, das ist mal richtig schräg ... Ich wünsche MICATONE eine Menge Support aus jeder guten Richtung und muss einen Konzertbesuch der Band dringend empfehlen.

Zur Musik von Micatone.

Photo: ©kulturproduktion2010 Düsseldorf

Donnerstag, 25. Februar 2010

Gruner und Jahrs' ART wird reaktionär.



















Ein vergeudeter Titel auf der neuen Ausgabe des Kunstmagazins ART kündigt die Rückkehr der Schönheit an. Ja, war sie denn weg? Und ist so ein Titel nicht die finale Volksbverblödung? Leistet sie nicht einem reaktionären Kunstverständnis das Wort, den jeder halbwegs sensible Mensch für endlich überwunden hielt? Liebe Redaktion von ART: so viel Mittelmaß muss nun auch nicht sein, denn danach kommt gleich die Diskussion, ob Malerei sich farblich an der Innenarchitektur orientieren sollte. Kunst muss nicht um jeden Preis verkauft werden. Kunst-Magazine dieser Art offensichtlich schon.


Schönheit reparieren.

Sonntag, 21. Februar 2010

Lois Renner bei Rupert Pfab
























Die Galerie von Rupert Pfab hat neue Räume bezogen. Direkt gegenüber der alten Galerie. So etwas ist ein Schritt in eine neue Perspektive, diesmal mehr von oben, liegen doch die Ausstellungs- und Büroräume zwei Treppen hoch im Hinterhof. Man durchquert vorher einen Patio, eine kleine Welt für sich, andere Galerien und Kreative sind Nachbarn, zu Sies und Höke blickt man ins beleuchtete Souterrain, man fühlt sich ein wenig privat und das ist keine schlechte Situation für ein Gespräch.
Die gut besuchte Eröffnung von Lois Renner umfasst etliche großformatige Fotografien des Österreichers. Was beeindruckt sind weniger die in der textlichen Kurzübersicht der Galerie angedeuteten Verhältnisse des Künstlers zum Spiel mit der Wahrnehmung, die angedeuteten Wirklichkeitszonen oder die von Kunstgeschichtlern leider zu oft zitierte ironisch-narrative Bildsprache, sondern es sind die wunderbaren Zusammenhänge der inneren Überzeugungsfähigkeit von Bild und Bildmotiv. Hier zeigt sich meist, ob man es mit einem guten Künstler zu tun hat oder nicht. Lois Renner transportiert das Verständnis der mittlerweile oft fiktiven oder atavistischen Ateliersituation und damit des ehemals genuinen Ortes von Kunstentstehung in eine aktuelle, nicht von Klischees dominierte Bildauffassung. Das macht er wirklich gut, da passiert Überraschendes, da entstehen Fotos, die die scheinbare Nebensächlichkeit von Arbeitsprozessen beinahe als greifbares Gefühl in eine fotografische Sprache umsetzen. Das schafft wunderbare Bildtexturen und -räume. Man fragt sich jedoch wie zwangsläufig wichtig die gleichzeitige Bearbeitung der abfotografierten Kleinmodelle und der selbstangelegten Malerei für das Endresultat ist. Wer Bilder sucht findet Malerei auch in der Fotografie selbst, was braucht es da verspielte Zitate von Malerei im Bild? Es bleibt aber schlicht und einfach sehr gute Fotografie, die durch die zusätzliche Hereingabe der Fleißarbeit im Modellbaubereich eigentlich hauptsächlich Auskunft über die Vielzahl der gestalterischer Möglichkeiten Renners bietet. Dieser Gedanke zu Ende gedacht führt bei Lois Renner nicht zu einer Erweiterung, sondern zu einer Art Implosion in das Medium der Fotografie. Ob dies an der Produktaffinität des Kunstmarktes liegt oder an der schlichten Schwierigkeit der Namensfindung bei einer Vielzahl von künstlerischen Talenten sei vorerst dahingestellt.
Die in der Galerie etwas verloren wirkenden Modellansichten, z.B. des in den Fotografien wieder auftauchenden Drum-Set werfen eine zusätzliche Frage auf: warum tauchen Versatzstücke der Fotografien überhaupt auf? Um den Betrachter von der Wirklichkeit des Modells zu überzeugen? Die so etwas leichtfertig ausgestellten Modelle wirken in dieser Situation didaktisch motiviert und führen dazu, Wahrnehmungsebenen und das Spiel mit Ihnen in den eigentlichen Arbeiten nicht mehr überzeugend zu erkennen. Das ist ein wenig schade bei einer gelungenen Ausstellung mit Fotografie.
Denn um Bilder zu erzeugen muss man noch mutiger werden.

Seitengleis zum Thema Bild.

Dienstag, 16. Februar 2010

Adornos klarer Schrecken: Popkultur



Eine gewisse Klarheit geht von den Worten dieses Interviews aus. Das die genauen Inhalte der Sätze, gerade für die Beurteilung unseres derzeitigen Kultursysstems eine immer noch grosse Rolle spielen könnten, scheint keine Diskussionsgrundlage mehr zu sein. Solche Dinge sind wahrscheinlich schwer aus der Mode gekommen. Soweit haben es die Fackelträger unserer freien Kultur bereits geschafft. Wer bis heute nicht wußte was ein Kardinalfehler ist, jetzt spätestens dürfte er es wissen. In diesem kleinen Film liegt einer der wichtigsten Ansätze, um einer menschlichen und kommunizierenden Gesellschaft näher zu kommen. Mehr als einen solchen kleinen Film braucht es dazu eigentlich nicht – und ich wette, er war nicht mal teuer.

Sonntag, 14. Februar 2010

Kunst und Kindheit unter Vodafone.















„Kind und Kunst“ sind Tabu-Themen der besonderen Art, so wie es die Kultur im Allgemeinen ist. Nachrichten über kreative Kinder sind gern gesehen, frühe Förderung in den kleinen Zeitfenstern der Kindheit ist eine oft beschworene Devise. Jede öffentliche Anstrengung in dieser Hinsicht wird sofort belohnt. Das ist einer der Gründe warum Vodafone oder andere große Firmen und auch öffentliche Träger ein besonders Augenmerk auf kreative Kinder legen. Der theoretische Überbau braucht nicht mal diskutiert zu werden, der Imagegewinn ist beträchtlich, Spendengelder sind leicht zu generieren. Zudem muss keine finanzielle Trägerschaft befürchten in ein schummriges Licht getaucht zu werden, wie es zum Beispiel nach werblichen Geldspritzen bei blutgewaschenen Fahrradrennfahrern gerne mal passiert.
Es gibt aber noch andere Gründe, die wohlwollende Akzeptanz gegenüber der öffentlichen Förderung von „Kind und Kunst“ mit zumindest einem kritischen Auge zu betrachten. Beschwerte sich das deutsche Feuilleton noch vor der ersten Staffel über die hanebüchene kulturelle Ausrichtung vieler Heranwachsender durch RTL’s Superstarsuche, so geschieht dies längst, etwas niveauvoller, sprich: verdeckter, durch die Verakademiesierung von Grundschulen, (siehe die „Kinderkunstakademie“ in Rostock), die Kultur-Aktion „Kinder zum Olymp“ (sic!) der Deutschen Bank oder die sehr RTL-nahe Aktion „Düsseldorf ist art-ig“ bei der sehr direkt eine frühzeitige Kommerzialisierung von kreativen Ideen und eine schnelle Professionalisierung von Kindern und Jugendlichen, durch intensive Belohnungsysteme, Preise und starke Presseanbindung angestrebt wird. Bei dieser Form der oft kulturamtsgesteuerten Nachwuchsarbeit, z.B. im Dienste des Kunst-Images einer Region, stehen die Damen und Herren Sponsoren logischerweise Schlange. Da fragt man auch nicht mehr so schnell warum unsere Kinder Mittags in der Schule nicht flächendeckend ausreichend Gesundes auf den Tisch bekommen. Das gehört ja offensichtlich nicht mehr zur Kultur.
Man darf sich fragen, ob nicht auch hier bigotte Erscheinungen zu uns sprechen. Sowie es keine große Hilfe war, junge oder begabte Künstler in den Akademien zu schnell in die Arme des Kunstmarktes zu treiben, so darf auch bei diesem Thema bezweifelt werden, dass schönes, sinnfreies Spiel und kreatives Probieren von Kindern ohne Ausrichtung und Markt-Protektion sinnlos ist. Was der Umkehrschluss hiervon bedeutet, ist an den Hochschulen bereits gut zu sehen: die Wirtschaft erzieht sich ihre Studenten in den Bachelor-Studiengängen als passende Arbeitskräfte in Rekordzeit selbst heran. And I guess they fit like a glove ... Wenn erst der Kunstmarkt sich aufmacht, um seine Künstler selbst heranzuzüchten, dann hat man einiges an ehemals allgemeingültigen Vorstellungen von Freiheit bereits aufgegeben.
Es wird spannend sein zu sehen, wie spätere Generationen die Systeme der staatlichen oder öffentlichen Frühförderung, wie die der ehemals zwei deutschen Staaten, vergleichen und bewerten werden. Gut und Böse beginnt, wie so oft, durch die immer größer werdende Menge an systemkonformen, aber gut meinenden Menschen zu verschwimmen. Gott schütze uns vor denen, die immer mit kleinen Kindern auf dem Arm ins Fernsehen wollen.

Erziehungslink bitte hier klicken

Dienstag, 9. Februar 2010

Künstler feiern spontan Hartz 4 Urteil























Das heutige Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das voraussichtlich zu einer Erhöhung der Hartz 4 Regelsätze führen wird, ist von vielen Künstlern mit wildem Enthusiasmus aufgenommen worden. Vor dem Karlsruher Gerichtsgebäude versammelten sich spontan mehrere hundert Künstler, um gemeinsam zu singen und zu diskutieren. Die bundesdeutschen Künstler stellen, des Sprechers ihrer Interessenvertretung in NRW zufolge, die verhältnismäßig größte Gruppe der Hartz 4 Empfänger dar. Ein wohl sehr dunkles Kapitel bundesdeutscher Kulturgeschichte, denn gerade das öffentlich gewünschte Bild des erfolgreichen Künstlers verschwimmt zusehends im Nebel einer immer stärker werdenden Hilfebedüftigkeit vieler Kulturschaffender in Deutschland. Selbst die nationale Schwarzarbeit erscheint geradezu als ein Hort der Einfallslosigkeit, vergleicht man die kreativen Pläne vieler Künstler, sich selbst und der eigenen großen Kinderschar, das erforderliche Auskommen zu sichern. Unbehelligt von der hochwertigen professionellen künstlerischen Arbeit werden Parallelexistenzen gechaffen, die nicht selten Tellerwäscher, Parkhausaufsicht, Drogendealer oder gedungener Mörder heissen. Von der ungeliebten und sicherlich unverantwortlichen Arbeit in der Werbung einmal ganz abgesehen. Handtaschendiebstähle zur Finanzierung der Acrylbinder, Farben oder guter Firnisse sind in Malerkreisen längst die Regel und werden in den einschlägigen Kultur-Blogs nachträglich schriftlich legitimiert. Um eine gewisse Entspannung in den Alltag des Künstlers zu bringen, ist das Urteil des höchsten deutschen Gerichts nur zu begrüßen. Die offiziellen Feiern des Bundesverbandes Bildender Künstler im Beisein des stellvertenden Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse werden vermutlich Ende der Woche auf dem Aussengelände der Berliner Charité beginnen – ein Ort, der bei den erwarteten exzessiven Feiern schnelle Hilfe möglich macht. Hoffnung keimt hier und da auf: ein Novum angesichts einer, das Jahrzehnt abschliessenden, opportunistischen, gelb-schwarzen Schunkel-Regierung. Auch Kultur stinkt eben vom Kopfe. Ist es nun Fluch oder Segen, dass sich Wert und Form einer Kultur nicht als Gerichtsurteil abbilden lassen?

Bildquelle:� H.P.Haack

Freitag, 5. Februar 2010

Giacometti und Sotheby’s





















Titelseiten sind nicht lustig. Titelseiten haben eine Aufgabe. Titelseiten machen Stimmung. Selbst die Süddeutsche Zeitung bringt heute den Giacometti als teuerste Kunst-Versteigerung aller Zeiten auf die erste Seite. Die vermittelte Information bleibt eher dürftig: einige Kunstanleger oder im besten Fall Kunstliebhaber sind weiterhin bereit ihre extragroßen Portokassen für gute Arbeiten der Moderne zu öffnen. „Was solls?“, könnte man denken. Jedoch fällt auf, dass sich die Spirale der Preise im Kunstsektor – trotz der tatsächlich existierenden wirtschaftlichen Problematik vieler Menschen – auf einer gewissen Ebene weiter nach oben dreht. Titelseiten machen also Stimmung. Stimmung vielleicht dafür, dass es in einer Zeit, die keine sinnvolle globale Weiterentwicklung bei den nuklearen, geopolitischen und ökologischen Interessensfeldern der Menschheit bietet, dennoch Werte gibt für die es sich lohnt, mit dem hoch vernetzten und in Teilen menschenverachtenden kapitalistischem System bedingungslos fortzufahren? Für die Eigner von Sotheby’s und Co. ist das Ergebnis nur folgerichtig, nach ihrer Kopplung des Auktions- und messedominierten Kunstmarktes und den Interessen der industriellen Eliteprodukte aus dem Mode-Lifestyle-Sektor, die ja alle von einigen wenigen Händen verwaltet werden. Ein Schelm ist also, wer bei Titelseiten an PR denkt. Für diejenigen die es sehen wollen, ist die Höhe der Kunstpreise ein sicherer Ausguck über die glitzernde Leere der in den Museen gepredigten Ersatzreligionen. Dort wird verzweifelt versucht eine sehr angestrengte Übung durchzuhalten: den Spagat zwischen musealem Bildungsauftrag, der durch viele Besucher sinnvoller scheint, und finanzpolitischen Interessen. Das klingt auch im Bekenntnis von Raimund Stecker an, der sofort nach Bekanntgabe des Millionen-Loses die verstärkte Bewachung der Giacomettisammlung seines Duisburger Museums ankündigt. Was bewacht ist, muss eine Attraktion sein – im Hintergrund sieht man die Kronjuwelen glänzen. Verständlich, dass auch die Duisburger vom Rekordverkauf profitieren wollen. Ein Besuch bei den Giacomettis ist allerdings nie umsonst.

Bild: „A-giacometti-ghost-extended“ © crschulz kulturproduktion,  Düsseldorf 2010

Donnerstag, 4. Februar 2010

Hitler als Bestsellerautor


















Autorenrechte sind endlich, also gehen derzeit folgerichtig die Diskussionen um die Herausgabe und erneute Veröffentlichung des Hitler-Buches „Mein Kampf“ wieder los.
Mit dem schnell geäußerten Grundgedanken den kriminell orientierten rechten Publizisten jedweden Wind aus den Segeln nehmen zu können, soll eine umfangreich kommentierte Version 2015 auf dem Buchmarkt erscheinen. Was löblich erscheint, (und zusätzlich ein gelungener Versuch ist, an berühmt-berüchtigten Titeln mit gutem Gewissen mitzuverdienen), zeugt eindeutig von mehr als nur Vorsicht.
Die so dokumentierte Angst vor diesem Buch ist als Signal denkbar falsch, baut sie doch selbst den überschätzten auratischen Ruf des Machwerks weiter auf. Es ist ein Buch. Es ist ein Buch. Es ist ein Buch. Es ist letztendendes ein Buch, in dem alles sehr früh aufgeschrieben stand, was später zum Schrecken vieler verwirklicht wurde. Das bedeutet in erster Linie: alles was kam, kam nicht überraschend. Es war mit schwarzen Lettern auf weißem Papier angekündigt worden. Was dieses Buch augenscheinlich klar macht, ist die fehlende menschliche Fähigkeit – selbst der gutmeinenden Menschen – zur vernünftigen gesellschaftlichen Nutzung von relevanten und substantiell gefährlichen Erkenntnissen, die sich aus einem Schriftstück entwickeln lassen könnten. Unabhängig davon, ob es nun „1984“ oder „Mein Kampf“ heißt. Aus dieser Tatsache lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Bücher nicht einen immensen Sog entwickeln könnten, sobald man den unsinnigen Versuch unternimmt sie verstecken zu wollen. In einer Gesellschaft, die, geschult durch langjährige Fernsehunterhaltung, „hart aber herzlich“ und „hart aber fair“ tief im Herzen trägt, darf nicht die Angst das Wort führen, sondern die Fähigkeit, alle Fragen die ein Buch aufwerfen kann, auszuhalten und mögliche gemeinsame Antworten in die Tat umzusetzen. Alles andere ist mit den Gedanken einer demokratischen Freiheit und den Toten des zweiten Weltkrieges nicht zu vereinbaren.

Ein Widerstandskämpfer. Bitte klicken.

Bild:„hitler-s-nopop“ ©2010 crschulz, kulturproduktion