Dienstag, 30. November 2010

Schlichter Spruch zerredet Demokratiebewegung

Sieht das cool aus, oder was?














Es verwundert nicht, dass der heutige Schlichterspruch ein Lächeln auf das Gesicht der Verantwortlichen der Deutsche Bahn zaubert. Obwohl die von Herrn Geissler auch medial geschickt gelenkte Schlichtung auf die meisten von uns ausnehmend gerecht wirken soll, letztlich sind alle Beteiligten ins gemeinsame (sic!) demokratische Boot gekommen und haben das berühmte „Gespräch auf Augenhöhe“ möglich gemacht, ist unklar, ob auch alle mit heiler Haut aus der Situation heraus gekommen sind. Apropos Augenhöhe: das bisherige Gefälle der politisch Verantwortlichen gegenüber dem Engagement der Bürger könnte wohl nicht klarer ausgedrückt werden als mit diesem Zitat des Tages. Tatsache ist, dass Stuttgart 21 rechtlich immer auf sicherem Boden stand und ein Gespräch nur stattgefunden hat, um die öffentliche Brisanz der Bürgerbewegung zu entschärfen und vom Demokratiebegriff zu entkoppeln. Ein modifizierter Bahnhof oder „S21plus“ dürfte daher keine Überraschung sein. Einige etwas deprimierte Gesichter von K21 Befürwortern zeugten sympathischerweise von echter Hoffnung auf mögliche Veränderung. Die sogenannte Bürgerrechtsbewegung hat in einer großen Detailversessenheit ihre Professionalität überzeugend dargestellt, jedoch damit viel zerreden lassen und detaillierte Informationen geliefert, um Stuttgart21 nun auch öffentlich wasserdicht zu machen. Es wurde ja alles getan ... Die Demo-Luft dürfte bei vielen empörten, weil ungerecht behandelten Menschen, eine wenig raus sein. Wenn gestandene Landesväter plötzlich behaupten, seit den Prozessen um S21 viel gelernt und wichtige demokratische Erfahrungen gemacht zu haben, wirft das ein grauenhaftes Licht auf den Stand von Erfahrung und Emphatie der von uns gewählten Politiker. Jedoch ist das politische Ziel der Befürworter der Rechtssicherheit erreicht: das Ende der gefährlich großen Demonstrationen. Sie sind näher an der Bürgerrevolte gewesen als vielen bewußt war– auch für die Bundespolitik keine entspannte Situation. Ob sich neue demokratische Verfahren als Resultat der Stuttgarter Gesprächskultur abbilden lassen können, wird man noch beobachten müssen. Das bedeutet für die politische Klasse ihre Macht ab- und in die Hände des Volkes zurückzugeben. Die Historie hat gezeigt, so etwas passiert selten aus Einsicht. Herr Geissler muss sich nun für das eigentlich dürftige Schlichter-Resultat als Erneuerer der Demokratie feiern lassen. Das dürfte ihn selbst überraschen.

Donnerstag, 25. November 2010

Neues Morsbroich Neues Rheinland


























Das Museum Morsbroich muss tief in die professionelle kuratorische Trickkiste greifen. Die unter der Ko-Kuratierung von Markus Heinzelmann stehende Ausstellung, trickreich Neues Rheinland genannt, versucht eine lose Gruppe von Künstlern, oft aus dem direkten Galerienumfeld Leverkusens, mit den Leistungen der ZERO Gruppe und nicht näher bestimmten Größen der 1980er Jahre zu verknüpfen. Gleich einer Corporate Identity werden diese Künstler der 1970er Jahrgänge nun „Neues Rheinland“ und „Postironische Generation“ gelabelt, sollen doch alle Teilnehmer ein gemeinsames Interesse an bestimmten Themen haben. Diese Themen stellen sich als die Ablehnung der Ironie heraus, die man durch Ernsthaftigkeit und Humor ersetzt sieht. Ein Schachzug. Humor steht hier für die Hinwendung zum Trotz-Allem. Nur, es fehlt der rechte Glaube an eine im Kapitalismus groß gewordene und zusammenhängende Generation – in Zeiten fortschreitender Entropie – die man so einfach auffächern könnte. In der Ausstellung sind Künstler einer Generation, denen vor allem akademische Humorlosigkeit, die überzogenen Einkommensvorstellungen der 1980er und die Resignation vor ihrer eigenen politischen Rolle bei den globalen Problemen eigen ist. Galt es doch stets die ausgetretenen kapitalistisch vorgeprägten Wege und die Strukturen nachzuzeichnen, um sich am Markt behaupten zu können und dennoch eine angeblich verinnerlichte Kapitalismuskritik vor sich her zu tragen. Selten findet man so viel Hochmut und fehlende Distanz zur eigenen Arbeit wie in den Ausstellungen und Galerien dieser Leute. Die erneute Hinwendung zum Handwerk und zu seltener eingesetztem Material könnte auch als ein deutliches Zeichen für die anstrengende Substitution von Inhalten gelesen werden. Ein Spagat. Auch die Gegenüberstellung von Ironie und Ernsthaftigkeit als Gegensätzliches ist als Ansatz eher fragwürdig, oder, wenn man die Begrifflichkeiten definiert, deutlich verkopft.  Man wird sehen, ob eine ernstgemeinte Ausstellung in Leverkusen zustande gekommen ist oder ob man einigen, mit dem Museum verbundenen rheinischen Galerien den Gefallen tut etliche ihrer Künstler zum Jahreswechsel noch mal unter der markanten Sammler-Headline des Neuen Rheinland aufzuwerten.
Aber wo ist das im Homepagetext des Museums postulierte Engagement der Künstler? 
Und worin besteht es? Es wird Zeit die Dinge zu Ende zu denken. 

Dienstag, 23. November 2010

RFBK. Aufruf zur Revolution der Künstler.


Offene Wege.















Es ist soweit. Die Gesellschaft und die Medien sind zwar gefühlt durchdrungen von Kunstpräsentationen beinahe heilsbringerischer Ausmaße, nur klafft die Schere zwischen einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion, den Menschen ausserhalb des Kunstdiskurses und den Künstlern, soweit auseinander wie nie. Was die Kirche seit langem erlebt steht der Kunst noch bevor. Eine stärker werdende Spaltung versucht ein neues Projekt mit dem Namen „Revolutionäre Front Bildender Künstler“, und dem Kürzel RFBK zu überwinden. Die bisherigen bildnerischen Kunstformen werden rigoros in Frage gestellt, um z.B. über das radikale Hinterfragen des Künstlerbildes, zu gesellschaftlich relevanter Kunst und einer elementaren, auch politisch sich verantwortlich zeigenden Bildsprache zu gelangen. Offenbar kann man in die RFBK eintreten, sich selbst damit zu einem Künstler subversiver Prägung erklären und Vorschläge zu völlig neuen Kunstformen hinterlassen. Kritische Künstler in die RFBK. Endlich geht's los ...

Mehr zur Mitgliedschaft in der RFBK hier klicken.

Freitag, 19. November 2010

Migros kauft Mecksepers Ölbohrturm


Der Bohrturm ist von Thomas aus dem Spielzeughandel und dieser Blog bekommt dafür kein Geld.
























Liebe Frau Josephine Meckseper,
es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, politische Kunst würde aussehen wie ein nachgebauter Ölbohrturm. Das ist so schlicht, wie es die künstlerischen Auffassungen derjenigen bedient, die sich mit der Goutierung plakativer Kunst für gesellschaftskritisch halten. Das Gegenteil ist der Fall. Produkte dieser Art manifestieren und unterstützen auf geradezu perfide Weise das System, das zu kritisieren man vorgibt. Sie fahren Ihr freudiges Schifflein offenbar ohne Angst, aber eine unmutige Brise blaeht die schlaffen Segel. Überraschenderweise nimmt die Migros-Bank mit dem Ankauf der Arbeit teil am erkenntnisfreien Fall. Sie geben aber auch eine Zeitschrift heraus. Die ist kritisch und das stimmt dann doch freudig. Kommen Sie in die RFBK.



Samstag, 13. November 2010

J.L.Byars im Schloss ohne Zukunft

LED Leuchte eines unbekannten Meisters























Frustrierend ist der Umstand, das im Rahmen der Quadriennale Düsseldorf Arbeiten von James „I'm from the future“ Lee Byars nur im Schloss Benrath gezeigt werden. Als ich vor dem Schloss stehe, erfahre ich, das Einlass zu Byars nur mit einer Führung möglich ist. Soweit so gut. Kann man akzeptieren. Die Führung wäre eigentlich auch jetzt um 11. 00 Uhr, da hätte ich normalerweise gerade Glück, sagt die Kassiererin, aber heute wäre die Führung ausgefallen, da keine Besucher da gewesen seien. Ausser mir versteht sich. Ich schaue auf die Uhr. Es ist 11.00 Uhr. Düsseldorf, die Kulturstadt? Danke schön. Für eine Fahrt von der Innenstadt nach Benrath braucht man mit der Strassenbahn etwa eine halbe Stunde. Das macht über eine Stunde überflüssiges Herumfahren. Die Dame an der Kasse hat mir dann netterweise handschriftlich die Führungszeiten aufgeschrieben. Denn gedruckt waren sie nicht zu haben. Die nächste Führung war drei Stunden später. Mein Interesse für James Lee Byars war eigenartigerweise ein wenig erlahmt. Beehren Sie uns bald wieder.
Mit meinen persönlichen Grüßen an die Leitung der Quadriennale.

Carsten Reinhold Schulz

Beuys d'Ackermann

























Beinahe unheimlich empfehlenswert ist die Düsseldorfer Beuysausstellung „Parallelprozesse“, die von Marion Ackermann verantwortet wird.  Dort kann man zwar keine Weihnachtsgeschenke kaufen, aber man kann etwas sehr Aktuelles mitnehmen: die Vorstellung einer absoluten Hinwendung zum Leben, die im vollen Glauben an die Kunst mündet. Das geradewegs leichtfertige Gefasel der Zeitschrift Monopol zu dieser wunderbar klaren Ausstellung im Düsseldorfer K20 ist theoretisiert und nicht empfunden. Das macht die dort notierte Kritik zum Fehlen des Künstlers Beuys in seinem Werk, (eine ewige, unsinnige journalistische Litanei ...) praktisch wertlos. Kaum eine andere Kunst fordert so leicht zu einfachen Fragen auf, Fragen die jeder in der Lage ist zu stellen. Kaum ein anderes Werk ermöglicht so direkte, persönliche, menschliche Zugänge in einer hochaktuell gebliebenen Kunst. Eine wunderbare Überraschung ist die letzte Arbeit des Künstlers mit Obstleiter, Stahlseilen und zwei Eisenkugeln.

Hingehen. Und dann nochmal hingehen.

Joseph Beuys
Parallelprozesse
Bis 16. januar 2011. K20 Grabbeplatz, Düsseldorf

Salonkunst für Flingern


























Als die WELT vor kurzer Zeit den Vergleich anstellte, Flingern sei das Kunstviertel Düsseldorfs auf internationalem Niveau, so dürfte das die Stadtväter und die Tourismusbranche gefreut haben. Eine neue, wenn auch temporäre Einrichtung in Sachen Bilder im Viertel, dürfte der Kunstsalon Flingern sein. Die ehemaligen Räume der Galerie Walbröl (zu Zeiten als das Wort Gentrifizierung nur in echten Großstädten bekannt war) und spätere Fotostudio des Portrait-Fotografen Emil Zander, wurden nun nach dem unsanften Rausschmiss des hundefreundlichen Designladens mit dem funktionalen Namen „Unterhaltung“, wieder mehr in Richtung traditioneller Kunst und Fotografie gerückt. Um den Fotografen Zander herum, der auch selbst ausstellt, gruppiert sich eine Gruppe Kunstschaffender aus dem umliegenden Stadtgebiet.
Denkenswert: wird in Berlin ein Raum frei, findet sich schnell eine Gruppe Wilder die mit neuen Positionen zumindest den gemeinsamen Willen zeigt die Kunst zu verändern. In der heimlichen Hauptstadt der plastischen Schönheitschirurgie Düsseldorf wird aus solchen schönen Gelegenheiten eine vorweihnachtliche Verkaufsaustellung mit zumeist schön gerahmten Arbeiten. Das macht vermutlich den kleinen Unterschied zu Berlin und allen anderen Hauptstädten dieser Welt aus. Joseph Beuys war es, der einmal feststellte, daß man sich in Düsseldorf zwar in Ruhe seine Projekte ausdenken könnte, realisieren müsste man sie jedoch woanders.
Dieses Klima ist kaum abzuschütteln und wirkt gelegentlich irritierend.
Kunstsalon in Flingern,
Ackerstrasse/Ecke Dorotheenstrasse
bis 21. 12.2010

Brewster Stereoskop

Sonntag, 31. Oktober 2010

J.S.Foer: Tiere essen


























Wenn Künstler Verantwortung übernehmen, kann das so aussehen wie dieses Buch. Vor der Unfassbarkeit der globalen Situation und den überbordenden Problemen unserer Welt will Foer sich nicht davonstehlen. Anhand der Massentierhaltung und den gesteuerten Zusammenhämgen industrieller Nutzung von Tieren, zeigt er klar unsere Selbstgefährdung als menschliche Spezies und unsere spektakuläre Borniertheit gegenüber dem Leid anderer auf. Warum uns nicht längst alle das Grauen packt, angesichts milliardenfachen jährlichen Leids, das durch den Konsum von billigem Fleisch jeglicher Art erzeugt wird, bleibt unser derzeitiger gemeinsamer schleierhafter Wesenszug. Das Buch Foers sollte aber langfristig beschäftigen und zu grundsätzlichen Fragen selbstgewählter Werte führen. Wir können nachdenken und ebenso können wir vordenken. Daher sind wir in der Lage, die dringend gesuchten Wege zu finden, uns sinnvoll vom Gängelband der industriellen Fleischversorgung (und anderer industrieller Machenschaften) abzukoppeln, um ökologische Ungleichgewichte und die erschreckende Probleme des weltweiten Hungers langfristig in den Griff zu bekommen. Wie überwindet man also die jede Weiterentwicklung hemmende Ignoranz und Verdrängung? Alle die etwas verstanden haben müssen aufstehen – müssen Wege finden, ihre Meinungen laut hörbar zum Ausdruck zu bringen. Das sind zu reaktivierende demokratische Notwendigkeiten.
Es geht um Alles. Fast immer.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Eduard Mörike im Teppichladen








































Leichtfertig sagt man, dass die deutsche Literatur im Leben keinen Platz mehr findet und die tägliche Normalität die Leistungen unserer Literaten praktisch unter den Teppich gekehrt hat.
Weit gefehlt. Tatsächlich zeigt diese Aufnahme der „Düsseldorfer Teppichtage“, das Eduard Mörike, mittlerweile als einer der großen Dichter des 19. Jahrhunderts erkannt, mit praktischen sprachlichen Aufhellern dazu beiträgt, der Freude, die in Verbindung mit Schnäppchen beim Teppichkauf entsteht,  wieder einen zentralen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung zu verschaffen. Als evangelischer Pfarrer hätte Mörike sicherlich grossen Spaß an den beinahe unglaublich preiswerten Angeboten dieses Geschäfts gehabt.
„Man muss halt immer etwas haben, worauf man sich freut ...“ s.o.

Solange Literatur sich noch offen in der Urbanität zeigt, kann es nicht schlecht um die neue europäische Denkergeneration stehen.
Erscheinungen überall ...

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Bei Kraut wird schwer gebechert.

























Als ich die Einladung zur Erstpräsentation eines neuen Düsseldorfer Kunstmagazins mit dem Titel „Kraut“ in den unweigerlich dazugehörenden Salon des Amateurs erhielt, habe ich mich erstmal gefreut. Die Stadt ist in dieser Hinsicht nicht besonders vielfältig ausgestattet. Ein neues, kreatives Baby des Direktorenpaars des NRW FORUM Wenzel/Lippert war also durchaus dazu angetan Neugier anzufachen. Nach dem ersten Blättern hinter dem grafisch etwas schwammigen Titelblatt wurde jedoch schnell klar: hier geht es wohl um Selbstvermarktung der ungeschickteren Art. An sich schön produziert, hat man durch den Verzicht auf eine Broschurbindung, trotz des aufwändigen Papiers, nicht nur einen Anklang an Schulheftästhetik in der Hand, sondern muss beim Lesen zuviele Lobhudeleien der immergleichen Protagonisten der Kunstwelt Düsseldorfer Provenienz inhalieren. Das gipfelt in  einem wappenartigem Familienstammbaum der Becher-Klasse, bei dem schnell klar wird worum es bei dieser 01 Ausgabe des Magazins eigentlich geht: eine weitere Manifestation der angeblichen Düsseldorfer Schule als Markenzeichen und Stereotyp. Alle sattsam Bekannten dürfen reinschauen, alle dürfen mal was sagen. Becher, Struth, Gursky, Becker, die Band Kreidler (die haben ein Abo ...), die bösen Akademieprofessoren und die guten Akademieprofessoren, die in Wirklichkeit längst verdrängten 1960er-70er Jahre, Kraftwerk nicht zu vergessen, die teuerste Fotografie der Welt – die aktuelle Ausstellung von Stephen Shore ist Anlass, all diese immergleichen Dinge mal wieder auszugraben. Die gezeigten jungen Fotografen wirken als Alibi. Das soll möglicherweise Internationalität made in Düsseldorf erzeugen und hinterlässt doch eher Selbstgestricktes, Verklebtes. Im Magazin selbst ist kein neuer oder eigener Ansatz zu entdecken. Wohl eher der verspätete Versuch an die Werbemethoden anderer Museen anzuknüpfen.
Dazu scheitert die gute Idee eine Empfangsdame des Museums, Frau Linden, zu interviewen, am unfertigen Menschenbild der offensichtlich minderjährigen Fragestellerin. Es ist leider der kürzeste Text im Magazin ...
Sprachlich von den Werteverlusten in der Kunst auf den Marktwert des in Düsseldorf heimischen Fotolabors und Marktführers Grieger hinüber zu spielen, ist nicht nur inhaltlich peinlich, sondern eine zu offensichtliche, redaktionell schlecht getarnte, vierseitige Werbeplatzierung der Firma Grieger, die auch noch das Lektorat der Zeitschrift innehat. Der beschriebene Zusammenhang lässt sich mit dem Hinweis auf die plattformübergreifenden, Kunst und Kommerz verbindenden Gehversuche des Museums NRW Forum nicht überzeugend verarbeiten. Es darf nicht reichen, den seit langem eingeschlagenen kommerziellen Weg des Museums mit einem veralteten Kunstdiskurs zu kaschieren.
Aber das ist längst typisch Düsseldorf.
Es geht also weiter beim NRW Forum wie es auch das bisherige Gesamt-Programm zeigt: schön gehängtes Altbewährtes, Industrielles, Werbeästhetik, das übliche Zeugs ohne echte Traute – eben Kraut.
Voilà.

Etliche schöne Fotos sind jedoch drin in der Zeitung.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Shannon Finley: "Specters into Signals"

















Die Veröffentlichung "Specters into Signals" von Shannon Finley liegt jetzt vor und diese mit sechs Orginal Vierfarb Linolschnitten versehene Ausgabe ist ein kleiner Schmuckstein im persönlichen Kunstbuch- oder Editionsregal.
Auf seinen farbintensiven Leinwänden legt Finley zahllose Farbfelder aufeinander, bis an der Oberfläche geometrisch abstrahierte Räume sichtbar werden. Durch die unzähligen Schichten entstehen Figuren, die wie Hologramme wirken. Signalfarben und die Formensprache können auf die Ästhetik von frühen Computerspielen verweisen, aber sie handeln durch Referenzen an Farbmystik, Mandalas bis hin zur Leuchtkraft von Kirchenfenstern.
Empfehlenswert.

Mit 6 vierfarbigen Linolschnitten und Offset-Abbildungen
Broschur, 56 Seiten, 500 Exemplare, 26 EUR

Bestellungen unter    www.christianehrentraut.com

Samstag, 2. Oktober 2010

Achim Beermanns Porzellanatome


























Irgendwie passend zur Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke in Deutschland stellt der Düsseldorfer Objekt-Designer Achim Beermann der modernen Tafel aufsehenerregende Alternativen zur Verfügung. War „Schwerter zu Pflugscharen“ mal ein Slogan der friedensbewegten Menschen der 1970er Jahre, ist es beim Designer heute nicht der politsche Aktionismus, sondern eine an der Ästhetik der unsere Gesellschaft kernspaltenden Kraftwerke orientierte Formensprache, die es Beermann erlaubt, ein aufwändig produziertes Porzellan-Set aus Zuckerdose, Salz und Pfefferstreuer bezugsreich Brücken ins Jetzt schlagen zu lassen.
Die in kleiner Serie entstandenen Objekte gehören auf den intelligenten Tisch.

Mehr zu Achim Beermann. Hier klicken

Freitag, 1. Oktober 2010

Beuys 21: Stuttgart und die Revolution.




















Niemand wäre darauf gekommen, daß es die Hauptstadt des Ländle sein wird, an der sich zeigt, was die Demokratie und der Souverän in Deutschland noch bedeutet. Die Politik ist aufgerufen sich erkennen zu geben: welche Werte werden in Zukunft entscheidend sein? Sind es die Sachverwalter unseres Landes mit kurzfristigen Zielen und Macht-, bzw. Profitinteressen die das entscheiden? Werden es langfristige Ziele sein, die dem menschlichen Zusammenleben den Vorrang geben und die endlich diese Werte für alle sichtbar definieren? Die RFBK wurde heute beim Stuttgart-21 Solidaritätstreffen auf dem Düsseldorfer Bahnhofsvorplatz gesehen. Das bedeutet die notwendige Verbindung zwischen Kunst und Widerstand ist hergestellt. Zwölf im Hintergrund abgestellte Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei in Kampfanzügen standen etwa 150 sehr ruhigen Demonstranten gegenüber. Viele Fahnen der Grünen, leider nur eine einsame Fahne der Antifa – dabei hat gerade die Antifa hier eine echte Aufgabe. Denn eine missverstandene Demokratie und ein Rechtssystem, das die Handlanger und die Verträge der Profiteure schützt, haben gesellschaftliche Auswirkungen die vom Bild des Faschismus nicht allzuweit entfernt sind. Denn der Mensch bleibt das Kapital. Diese Vorstellung, die seit Beuys auch von den Grünen getragen wird, darf nicht mehr fortgesetzt übergangen werden. Bei Stuttgart-21 steht so gut wie alles auf dem Spiel. Also: Aufstehen. Demonstrieren gehen.

Künstler vereinigt euch.

Mehr zur Revolutionären Front Brüderlicher Künstler.

Mittwoch, 29. September 2010

Gerhard Richters Matrosen kann man verkaufen.





















Warum sollte die Bremer Weserburg ihren Gerhard Richter und ihren Franz Gertsch nicht verkaufen, Frau Catrin Lorch? Vollmundig verkünden Sie den Ausverkauf des Bremer Museums und bemängeln gleichzeitig seinen sprachlichen Umgangston der, wen überrascht es, aus dem Fundus der Unternehmensberater zu stammen scheint. Museen sind Unternehmen und denken und fühlen auch so. Sie sind keine hehren Orte der geheimnisvollen und wertigen Archive der Menschheit. Museen produzieren zumeist nur noch rotierende Klischees unserer angeblichen Werte-Wirklichkeit. Das ist jedoch nichts Neues. Es ist allemal besser sich von ein paar Bildern zu trennen, um der ursprünglichen Idee eines Sammlermuseums konzentriert nachzukommen. Das dürfte grössere Chancen auf  inhaltliche Bewegung und zumindest gelegentliche Überraschungen bieten. Auch ein Richter ist nur ein Gemälde, ein Bild, in postmoderner Zeit entstanden und bewertet. Der Künstler lebt noch. Geben wir ihm eine Chance. Und den Ideen der Weserburg auch.

Mittwoch, 15. September 2010

Antony Gormley und Bregenz: eine unheilige Allianz























Wir lesen vom Künstler selbst platziert:
“Die Figuren erzeugen ein Feld, in dem Menschen mit aktivem, wachen Verstand aufgefordert sind, Raum und Distanz innerhalb dieses Feldes statischer Eisenfiguren zu messen. Skifahrer und Wanderer werden zu einem Teil dieses Feldes. Die Installation würdigt so die tiefe Verbundenheit zwischen dem sozialen und geologischen Raum, zwischen Landschaft und Erinnerung“, so Antony Gormley über sein Kunstprojekt. Gemeint sind sage und schreibe 100 gusseiserne Skulpturen mit einem Einzelgewicht von 640 Kilogramm, die im Bregenzer Wald auf 2034 Meter Höhe gestellt, das bisher größte österreichische Skulpturenprojekt ausmachen sollen. Was in Österreich passiert, ist ja gerne mal politisch-eklig, tendenziell abseitig oder muss gleich irgendwelche Größenordungen sprengen.
Grundsätzlich ist es schade und „für Menschen mit wachem Verstand“ im Ansatz auch anmassend, dass man beim Erwandern von Landschaft und Natur oder dem was von ihr übrig ist, erfahren muss, dass sie allein offensichtlich kein selbsterfahrbares Erlebnis mehr darstellen soll. Diese Kunstaktion ist offensichtlicher Aktionismus für den Durchschnitts-Tourismus der Region. Er spielt fahrlässig mit der Rest-Natürlichkeit dieser Kulturlandschaft über der Baumgrenze und der darunter. Nicht die tiefe Verbundenheit zum sozialen und geologischen Raum wird hier manifest, sondern die weltweite Tendenz jeden öffentlichen Raum mit einer vermeintlichen Kunst auf ominöse Art nachhaltig zu verbessern. Das mit erhelblichen Kostenaufwand und Transport-Hubschraubern durchgesetzte Projekt ist offensichtlich für die Ewigkeit angelegt und nicht nur temporär gemeint. Das bleibt abzuwarten. Dem initiierenden Kunsthaus Bregenz, dem Künstler selbst und der Politik in Österreich ist hier eine unheilige Allianz gelungen.
Es zeugt von Grösse und Einsicht Dinge auch mal nicht zu tun. Ein Konzept ist manchmal erst sinnvoll, wenn es ungemacht bleibt, das hat schon Ilja Kabakov in seinem Palast der Konzepte definiert. Alles was geht muss man nicht tun. Die Atombombe konnte gebaut werden, also wurde sie auch gebaut. Der gute Wille mag ja eine wesentliche Hinwendung gewesen sein, aber der gute Wille eines Künstlers kann nicht gleichzeitig die Rechtfertigung für jedes künstlerisch gemeinte Grossprojekt sein. Die fahrlässig naive Art Gormleys wird deutlich bei seiner Aussage, das die Figuren keine Skulpturen darstellen, sondern Orte an denen Menschen gewesen sein können: frommer Wunsch oder schon Geschwafel? Eine überheblich geführte Kunstdiskussion und ihre künstlerische Produktion entwickelt Tendenzen wie der Satelitenschrott im Orbit.
Man muss zusehen, daß man ihr ausweicht.

Mittwoch, 8. September 2010

Felix Warhol und Andy Droese





















Die Behauptung, die noch stets so genannte Kunst der Popart und speziell die von Andy Warhol könnte sowohl als Vergötterung oder als Verstörung einer politisch durchgesetzten Gesellschaft- und Wirtschaftform gesehen werden ist falsch. Sie ist ausschliesslich was sie ist: reine Hommage an die Diktatur der Marke. Es ist der geile Versuch „to have the cake and eat it“. Die Ablehnung einer Handschrift und fehlender  nachvollziehbarer individueller Zugang zum System Bild sind möglicherweise folgerichtig zu nennen, aber führen als Idee vom Menschen weg in die absolute Beliebigkeit einer banal gewordenen, weil instrumentalisierten Welt. Man sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob die Arbeiten der popart tatsächlich noch unter Kunst einsortiert werden müssen. Das schafft sehr viel Platz in den Museen. Eigentlich sollten die Popart-Sachen in die Kaufhäuser von Karstadt und Supermärkte der Aldikette. Nicht die von Felix Droese. Na gut, die auch.

Dienstag, 7. September 2010

Blue Efficiency: Mercedes Benz lernt von China?
















 Es ist Zeit der deutschen Werbung einige Aufmerksamkeit zu schenken. Sie ist im Koordinatensystem kultureller Wahrnehmung eine nicht zu unterschätzende Größe. Es ist jedoch eine französische Automarke, die mit einem existierenden und funktionsfähigen Elektroauto im Fernsehen, gut gemacht übrigens, für sich und die freundliche Zukunft wirbt. Tatsächlich ein reines Elektroauto. Ein wenig ist mein Glauben an die Menschheit dadurch zurückgekehrt, das muss ich zugeben. Diese Firma wird für alle Zeiten meine Symphatie haben, das Quentchen Vorsprung bei der Entscheidung für eine Automarke, sollte ich mir mal ein Auto gönnen.
Einige Tage später sehe ich in einem Spot von Mercedes-Benz, einst grosser Autobauer, das eben die Marke Benz 85 Automobile mit der sogenannten Blue-Efficiency Technologie ausstatten will und sich das groß auf die Fahne schreibt. Schon das sich die eingebaute Technik, wie z.B. der Benzinsparmodus an Ampeln auf freier Strecke laut Magazin Focus wieder ausgleicht, ist vom dürftigen Anspruch her eher witzig zu nennen. Niemand kann sich erklären, warum ein Mix aus allen möglichen Zusätzen zum Verbrennungsmotor als ökologischer Heilsbringer mit effektivem englischen Namen verkauft wird. „Blue Efficiency“ – eine neue Technologie geht anders. Ein neue Technologie würde alles, alles, alles versuchen. Hat da jemand die eigentlichen Ideen verschlafen oder steckt da ein müder Kopf noch stets im zwanzigsten Jahrhundert? Ich hoffe, es gibt nicht noch schlimmere Gründe. Wie sieht es aus in der Etage wo die Kommunikation gemacht wird? Kunden sind Menschen und die sind nicht dumm, auch Automobilisten nicht unbedingt: die Frage nach einem neuen Antrieb, der die Menschheit von der Geissel der Erdölabhängigkeit befreit, ist eine kulturell überlebenswichtige, deutlich zentrale Frage. Sie stellt, nicht zuletzt, die Weichen für vollkommen neue Perspektiven des Zusammenlebens von Menschen. Was soll da ein pseudoindividualisiertes Lavieren mit Aggregaten für Super und Diesel? Was soll das im Jahre 2010? Firmen die sich immer noch gegen diese offensichtliche Bewegung stellen, beginnen jetzt ihr Image für die Zukunft zu zerstören und arbeiten gegen strahlende Potentiale ihres eigenen Unternehmens. Strategien kann man riechen und das riecht alles nicht wirklich gut.
In diesem Vorgehen der meisten deutschen Autobauer, das vermutlich auch politisch gedeckt ist, wird augenscheinlich, was bereits die deutsche Mainstream-Politik und die öffentliche Kultur uns klarmacht: das Fehlen von Visionen oder erträglichen Entwürfen für die Zukunft bei fast allen Entscheidungsträgern. Die Verantwortung für spätere Generationen wird leichtfertig verspielt, um Reste von Verkaufspotential noch mitzunehmen, ungeachtet der für Lösungsfindungen bereits sehr fortgeschrittenen Zeit. Erst werden die Regale geräumt, dann kommt die Neuware ...
Stuttgart 21 macht uns in kleiner Version vor was passieren wird. Politik muss den eigentlichen Souverän der Demokratie wieder verstehen lernen. Und die Kultur, ja, die Künste, sollten endlich beginnen sich neu zu definieren und ihre Stimme zu erheben.
Einmischen.


Eine Kiste deutsches Öl.

Montag, 6. September 2010

Reaktionärer Blödsinn: das Holocaustdenkmal für Homosexuelle






















Auch wenn das alles schon ein wenig her ist. Es sollte uns weiter beschäftigen. Das Zustandekommen solcher Erinnerungsungetüme ist politisch abenteuerlich und aus meiner Sicht bitter für alle kulturell engagierten und interessierten Menschen, sowie auch für diejenigen, die in Trauer an ermorderte und gequälte Freunde oder Verwandte zurückblicken auf die Horrorzeit der Nazis und die zugehörigen Folgen. Der augenscheinliche Inhalt dieser Skulptur ist banal bis einseitig zu nennen, alle plakativen Verweise auf die sexuelle Ausgrenzung zum Trotz. Ich vermisse schmerzlich eine künstlerische Haltung, eine persönliche Handschrift, eine Emotion, die nicht mittels einer reaktionärer Begriffsdeutung gesellschaftliche Klischees über schwule Männer hofiert. Solche Denkmäler müssen unbedingt darüber hinausweisen. Der isolierte und bestenfalls akademische Zugang zur Tragödie einer Vernichtung von Menschen aus rassistisch-sexuellen Motiven bleibt im Klischee stecken und bezeugt höchstens einen kleinen Ausschnitt aus schwuler Lebenswirklichkeit (die übrigens freiwillig fortbesteht) und bietet ansonsten viel formal retuschierte Leere. Wenn eine erklärende Plakette dran ist wird man wohl trotzdem hingehen. Wenn man sich jedoch die Entwürfe der anderen Künstler ansieht, die in der Berliner Akademie der Künste ausgestellt waren und die auch so illustre Namen wie Wolfgang Tillmanns und Isa Genzken auswiesen wird einem erst richtig Angst und Bange. Gerade ihre Arbeiten sind an Arroganz und Dummheit kaum zu überbieten.
Deutschland deine Künstler … (sind mit den Gedanken woanders).

Dienstag, 24. August 2010

Christoph Schlingensief und die Überschrift.


























Leider habe ich Christoph Schlingensief nie persönlich kennengelernt. Einmal habe ich ihn über sein Büro eingeladen, um seine Bilder ausstellen zu können. Es kann wichtig sein, wenn Menschen plötzlich malen und sich in viele Richtungen verausgaben wollen. Leider hat ein Treffen nie geklappt. Also muss ich jetzt über den medial präsenten Christoph Schlingensief nachdenken, er ist es der mir bleibt, wenn ich seine Nachrufe lese. Der Medien-Schlingensief. Welche Rolle hat er in diesem Umfeld zugewiesen bekommen? Zuerst erlebt habe ich seine kulturelle Präsenz mit Filmen wie dem „Deutschen Kettensägen-Massaker“ und zwar nicht mit speziellen Inhalten seines Regiewerks, das ich bis heute nur in Ausschnitten angeschaut habe, sondern vornehmlich über die Titel seiner Filme und Arbeiten. Aus ihnen sprach hoffentlich die Kraft des Anderen und des schrillen Dunklen, dem man sonst nur in Death-Metal Musik nachspüren konnte. In dieser Intensität wollte er offenbar als Künstler wahrgenommen sein. Ganz stark war er in der Entwicklung intensiver Textbausteine, wie „Scheitern als Chance“ und scheinbar übergriffiger Aktionen, wie „Tötet Helmut Kohl“. Diese Aktionen waren reiner Prozess, eher wie Musik, fast ein lebendiges Paradoxon, ein temporär angelegtes Spiel mit den blosszulegenden Widrigkeiten heutiger Realitäten. Kunst spielte da endlich keine Rolle mehr. Sie ist in diesem Sinne auch nicht sein Arbeitsfeld gewesen, wie es bei Joseph Beuys noch bewußt artikuliert worden war. Christoph Schlingensief hat meiner Meinung nach die reflektorischen und beeinflussenden Möglichkeiten des Menschen weitestgehendst so ausgefüllt, wie es ein Künstler heute verstehen kann. Er war dabei eher zufälligerweise Regisseur, oder eben irgendetwas anderes. Und es gibt tatsächlich viele Menschen und auch Künstler, die in dieser Weise arbeiten, nur ist selbst das Feuilleton der SZ nicht wirklich in der Lage mit einer so schubladenfernen Situation umzugehen ... sie ist in ihrer Komplexität schwierig darzustellen. Aber auch Frau Jelinek hat natürlich Recht, wenn Sie in der Totalen erkennt, das Schlingensief einzig war, weil das natürlich jeder Mensch ist. Dazu Chapeau.
Interessant ist, das Christoph Schlingensief eigentlich der einzige künstlerisch arbeitende Mensch war, der in den Medien die Rolle des sozial und politisch motivierten und mit extra wirren Haaren versehenen revolutionären Outlaws geben durfte. Nein, Herr Meese passt da jetzt nicht ... Er musste bei aller Anti-Anti Geste irgendwie trotzdem in die bigotte und zumeist reaktionäre Kulturlandschaft passen. Leider ist immer nur eine solche Rolle pro Generation zu vergeben und er hat verständlicherweise versucht sie sehr breit gefächert auszufüllen. Nur ein echter Revolutionär konnte er irgendwann nicht mehr werden, das schliesst eine derart leuchtende Präsenz in den bundesrepublikanischen Fernsehanstalten nun doch aus. Es bleibt die Rolle des angenehm überdrehten Mahners (ein schreckliches Wort), der sich mit Ironie, Witz, Spott, Pathos und der Hinwendung zu Skurillem und wiedererkennbaren kunst- und geistesgeschichtlichen Bezügen abstrampelt. Die am Ende seines Lebens präsenter werdende Malerei scheint das einzige zu sein, das eine eher überflüssige Stabilität in der Form eines tradierten Kunstproduktes aufweist. Alles gehörte bei Schlingensief eigentlich in die Bewegung. Dies gilt es zu bewundern und zu verstehen. Seine Titel werden für mich immer das Grösste bleiben: „Kirche der Angst“. Er war ein Meister emotionaler Vollständigkeit.
Nun bekommt man eine Gänsehaut vor all der Bürgerlichkeit, aus der er zwar gekommen ist, die ihn jetzt wieder – mitsamt seiner Arbeit – in die einschliessenden Arme nehmen möchte.
Vermutlich ist das eben ihre Art ein Werk zu beenden. Es ist ungerecht. Verdammt.

Montag, 16. August 2010

Martin Möbius. Eine Kultur der Kerne.




















Der feste innere Teil der Frucht ist ein Kern. Kerntechnik: das könnte konzentriertes Weitspucken bedeuten. Tut es aber nicht. Wie fliegt der Komet ohne Schweif? Als Kern. Das Wort hat vielfältige Felder des Gebrauchs. Der Kern allen Übels. Der Grund vieler Missverständnisse. Man denkt dennoch zumeist an Dekontaminationsversuche, weniger an eine lebendige Zukunft. Was ist des Pudels Kern? Zum Teufel mit der Kritik. Beim Austausch von Meinungen in Diskussionen fallen größere Mengen kontaminierter,  d.h. gesprächsverschmutzter Reststoffe an. Durch das Reinigen der Sprachhülsen wird vergiftetes Klima in argumentative Wertstoffe und restaktiven Abfall getrennt. Wie nennt der Jäger das Innere des erlegten Tieres ohne Haut? Kern. Noch aus der Zeit der Jäger und Sammler scheinen die Methoden der modernen Dekontamination zu stammen. Reste von Steinzeittechnik im Kernzeitalter. Zusammengebundene Stangen über einem Buschfeuer. Kernig. Behelfsduschen von Hornbach gegen die unüberschaubaren Folgen von Spaltungen. Kontrolle bleibt machbar. Die Idee von Schutz durch schlecht gekleidete Männer in Plastikanzügen. 
Der Kern des Lebens wird offiziell nicht mehr gesucht. Seine Bearbeitung wird gefordert, seine Nutzbarkeit erforscht, ohne um seine echte Lage zu wissen:
„Wart ab, Meister Pflaume! Es heißt Zäpfel Kern, weil es aus einem Tannenzapfen oder genauer aus einem Kern in einem Tannenzapfen gekommen ist. Aus einem Kern voller Leben, Meister Pflaume! Paß nur auf! Du wirst es schon merken!“  
Otto Julius Bierbaum hat das Märchen, das als Ausschnitt oben zu lesen ist, als eine Adaption des italienischen Pinocchio geschrieben. Seine Kunstfigur „Zäpfel Kern“ ist ebenso in Vergessenheit geraten, wie die allererste deutsche Autoreise-Erzählung von ihm mit dem Titel: „Eine empfindsame Reise in einem Automobil“, bei dem er als erster Autofahrer den Gotthard-Pass überquerte. Otto Julius Bierbaum alias Martin Möbius verfasste „Zäpfel Kern“ fünf Jahre vor seinem Tod 1910 in Dresden.