Drift, Übergriff, Kritik. Ein offenes Kunstprojekt von Carsten Reinhold Schulz
Mittwoch, 29. September 2010
Gerhard Richters Matrosen kann man verkaufen.
Warum sollte die Bremer Weserburg ihren Gerhard Richter und ihren Franz Gertsch nicht verkaufen, Frau Catrin Lorch? Vollmundig verkünden Sie den Ausverkauf des Bremer Museums und bemängeln gleichzeitig seinen sprachlichen Umgangston der, wen überrascht es, aus dem Fundus der Unternehmensberater zu stammen scheint. Museen sind Unternehmen und denken und fühlen auch so. Sie sind keine hehren Orte der geheimnisvollen und wertigen Archive der Menschheit. Museen produzieren zumeist nur noch rotierende Klischees unserer angeblichen Werte-Wirklichkeit. Das ist jedoch nichts Neues. Es ist allemal besser sich von ein paar Bildern zu trennen, um der ursprünglichen Idee eines Sammlermuseums konzentriert nachzukommen. Das dürfte grössere Chancen auf inhaltliche Bewegung und zumindest gelegentliche Überraschungen bieten. Auch ein Richter ist nur ein Gemälde, ein Bild, in postmoderner Zeit entstanden und bewertet. Der Künstler lebt noch. Geben wir ihm eine Chance. Und den Ideen der Weserburg auch.
Labels:
Kulturkritik,
Kunst,
Revolutionäre Kunst
Mittwoch, 15. September 2010
Antony Gormley und Bregenz: eine unheilige Allianz
Wir lesen vom Künstler selbst platziert:
“Die Figuren erzeugen ein Feld, in dem Menschen mit aktivem, wachen Verstand aufgefordert sind, Raum und Distanz innerhalb dieses Feldes statischer Eisenfiguren zu messen. Skifahrer und Wanderer werden zu einem Teil dieses Feldes. Die Installation würdigt so die tiefe Verbundenheit zwischen dem sozialen und geologischen Raum, zwischen Landschaft und Erinnerung“, so Antony Gormley über sein Kunstprojekt. Gemeint sind sage und schreibe 100 gusseiserne Skulpturen mit einem Einzelgewicht von 640 Kilogramm, die im Bregenzer Wald auf 2034 Meter Höhe gestellt, das bisher größte österreichische Skulpturenprojekt ausmachen sollen. Was in Österreich passiert, ist ja gerne mal politisch-eklig, tendenziell abseitig oder muss gleich irgendwelche Größenordungen sprengen.
Grundsätzlich ist es schade und „für Menschen mit wachem Verstand“ im Ansatz auch anmassend, dass man beim Erwandern von Landschaft und Natur oder dem was von ihr übrig ist, erfahren muss, dass sie allein offensichtlich kein selbsterfahrbares Erlebnis mehr darstellen soll. Diese Kunstaktion ist offensichtlicher Aktionismus für den Durchschnitts-Tourismus der Region. Er spielt fahrlässig mit der Rest-Natürlichkeit dieser Kulturlandschaft über der Baumgrenze und der darunter. Nicht die tiefe Verbundenheit zum sozialen und geologischen Raum wird hier manifest, sondern die weltweite Tendenz jeden öffentlichen Raum mit einer vermeintlichen Kunst auf ominöse Art nachhaltig zu verbessern. Das mit erhelblichen Kostenaufwand und Transport-Hubschraubern durchgesetzte Projekt ist offensichtlich für die Ewigkeit angelegt und nicht nur temporär gemeint. Das bleibt abzuwarten. Dem initiierenden Kunsthaus Bregenz, dem Künstler selbst und der Politik in Österreich ist hier eine unheilige Allianz gelungen.
Es zeugt von Grösse und Einsicht Dinge auch mal nicht zu tun. Ein Konzept ist manchmal erst sinnvoll, wenn es ungemacht bleibt, das hat schon Ilja Kabakov in seinem Palast der Konzepte definiert. Alles was geht muss man nicht tun. Die Atombombe konnte gebaut werden, also wurde sie auch gebaut. Der gute Wille mag ja eine wesentliche Hinwendung gewesen sein, aber der gute Wille eines Künstlers kann nicht gleichzeitig die Rechtfertigung für jedes künstlerisch gemeinte Grossprojekt sein. Die fahrlässig naive Art Gormleys wird deutlich bei seiner Aussage, das die Figuren keine Skulpturen darstellen, sondern Orte an denen Menschen gewesen sein können: frommer Wunsch oder schon Geschwafel? Eine überheblich geführte Kunstdiskussion und ihre künstlerische Produktion entwickelt Tendenzen wie der Satelitenschrott im Orbit.
Man muss zusehen, daß man ihr ausweicht.
Labels:
Antony Gormley,
Kultur,
Kulturkritik,
Kunst
Mittwoch, 8. September 2010
Felix Warhol und Andy Droese
Die Behauptung, die noch stets so genannte Kunst der Popart und speziell die von Andy Warhol könnte sowohl als Vergötterung oder als Verstörung einer politisch durchgesetzten Gesellschaft- und Wirtschaftform gesehen werden ist falsch. Sie ist ausschliesslich was sie ist: reine Hommage an die Diktatur der Marke. Es ist der geile Versuch „to have the cake and eat it“. Die Ablehnung einer Handschrift und fehlender nachvollziehbarer individueller Zugang zum System Bild sind möglicherweise folgerichtig zu nennen, aber führen als Idee vom Menschen weg in die absolute Beliebigkeit einer banal gewordenen, weil instrumentalisierten Welt. Man sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob die Arbeiten der popart tatsächlich noch unter Kunst einsortiert werden müssen. Das schafft sehr viel Platz in den Museen. Eigentlich sollten die Popart-Sachen in die Kaufhäuser von Karstadt und Supermärkte der Aldikette. Nicht die von Felix Droese. Na gut, die auch.
Labels:
Carsten Reinhold Schulz,
Felix Droese,
Kultur,
Kunstkritik
Dienstag, 7. September 2010
Blue Efficiency: Mercedes Benz lernt von China?

Es ist Zeit der deutschen Werbung einige Aufmerksamkeit zu schenken. Sie ist im Koordinatensystem kultureller Wahrnehmung eine nicht zu unterschätzende Größe. Es ist jedoch eine französische Automarke, die mit einem existierenden und funktionsfähigen Elektroauto im Fernsehen, gut gemacht übrigens, für sich und die freundliche Zukunft wirbt. Tatsächlich ein reines Elektroauto. Ein wenig ist mein Glauben an die Menschheit dadurch zurückgekehrt, das muss ich zugeben. Diese Firma wird für alle Zeiten meine Symphatie haben, das Quentchen Vorsprung bei der Entscheidung für eine Automarke, sollte ich mir mal ein Auto gönnen.
Einige Tage später sehe ich in einem Spot von Mercedes-Benz, einst grosser Autobauer, das eben die Marke Benz 85 Automobile mit der sogenannten Blue-Efficiency Technologie ausstatten will und sich das groß auf die Fahne schreibt. Schon das sich die eingebaute Technik, wie z.B. der Benzinsparmodus an Ampeln auf freier Strecke laut Magazin Focus wieder ausgleicht, ist vom dürftigen Anspruch her eher witzig zu nennen. Niemand kann sich erklären, warum ein Mix aus allen möglichen Zusätzen zum Verbrennungsmotor als ökologischer Heilsbringer mit effektivem englischen Namen verkauft wird. „Blue Efficiency“ – eine neue Technologie geht anders. Ein neue Technologie würde alles, alles, alles versuchen. Hat da jemand die eigentlichen Ideen verschlafen oder steckt da ein müder Kopf noch stets im zwanzigsten Jahrhundert? Ich hoffe, es gibt nicht noch schlimmere Gründe. Wie sieht es aus in der Etage wo die Kommunikation gemacht wird? Kunden sind Menschen und die sind nicht dumm, auch Automobilisten nicht unbedingt: die Frage nach einem neuen Antrieb, der die Menschheit von der Geissel der Erdölabhängigkeit befreit, ist eine kulturell überlebenswichtige, deutlich zentrale Frage. Sie stellt, nicht zuletzt, die Weichen für vollkommen neue Perspektiven des Zusammenlebens von Menschen. Was soll da ein pseudoindividualisiertes Lavieren mit Aggregaten für Super und Diesel? Was soll das im Jahre 2010? Firmen die sich immer noch gegen diese offensichtliche Bewegung stellen, beginnen jetzt ihr Image für die Zukunft zu zerstören und arbeiten gegen strahlende Potentiale ihres eigenen Unternehmens. Strategien kann man riechen und das riecht alles nicht wirklich gut.
In diesem Vorgehen der meisten deutschen Autobauer, das vermutlich auch politisch gedeckt ist, wird augenscheinlich, was bereits die deutsche Mainstream-Politik und die öffentliche Kultur uns klarmacht: das Fehlen von Visionen oder erträglichen Entwürfen für die Zukunft bei fast allen Entscheidungsträgern. Die Verantwortung für spätere Generationen wird leichtfertig verspielt, um Reste von Verkaufspotential noch mitzunehmen, ungeachtet der für Lösungsfindungen bereits sehr fortgeschrittenen Zeit. Erst werden die Regale geräumt, dann kommt die Neuware ...
Stuttgart 21 macht uns in kleiner Version vor was passieren wird. Politik muss den eigentlichen Souverän der Demokratie wieder verstehen lernen. Und die Kultur, ja, die Künste, sollten endlich beginnen sich neu zu definieren und ihre Stimme zu erheben.
Einmischen.
Eine Kiste deutsches Öl.
Montag, 6. September 2010
Reaktionärer Blödsinn: das Holocaustdenkmal für Homosexuelle
Auch wenn das alles schon ein wenig her ist. Es sollte uns weiter beschäftigen. Das Zustandekommen solcher Erinnerungsungetüme ist politisch abenteuerlich und aus meiner Sicht bitter für alle kulturell engagierten und interessierten Menschen, sowie auch für diejenigen, die in Trauer an ermorderte und gequälte Freunde oder Verwandte zurückblicken auf die Horrorzeit der Nazis und die zugehörigen Folgen. Der augenscheinliche Inhalt dieser Skulptur ist banal bis einseitig zu nennen, alle plakativen Verweise auf die sexuelle Ausgrenzung zum Trotz. Ich vermisse schmerzlich eine künstlerische Haltung, eine persönliche Handschrift, eine Emotion, die nicht mittels einer reaktionärer Begriffsdeutung gesellschaftliche Klischees über schwule Männer hofiert. Solche Denkmäler müssen unbedingt darüber hinausweisen. Der isolierte und bestenfalls akademische Zugang zur Tragödie einer Vernichtung von Menschen aus rassistisch-sexuellen Motiven bleibt im Klischee stecken und bezeugt höchstens einen kleinen Ausschnitt aus schwuler Lebenswirklichkeit (die übrigens freiwillig fortbesteht) und bietet ansonsten viel formal retuschierte Leere. Wenn eine erklärende Plakette dran ist wird man wohl trotzdem hingehen. Wenn man sich jedoch die Entwürfe der anderen Künstler ansieht, die in der Berliner Akademie der Künste ausgestellt waren und die auch so illustre Namen wie Wolfgang Tillmanns und Isa Genzken auswiesen wird einem erst richtig Angst und Bange. Gerade ihre Arbeiten sind an Arroganz und Dummheit kaum zu überbieten.
Deutschland deine Künstler … (sind mit den Gedanken woanders).
Dienstag, 24. August 2010
Christoph Schlingensief und die Überschrift.
Leider habe ich Christoph Schlingensief nie persönlich kennengelernt. Einmal habe ich ihn über sein Büro eingeladen, um seine Bilder ausstellen zu können. Es kann wichtig sein, wenn Menschen plötzlich malen und sich in viele Richtungen verausgaben wollen. Leider hat ein Treffen nie geklappt. Also muss ich jetzt über den medial präsenten Christoph Schlingensief nachdenken, er ist es der mir bleibt, wenn ich seine Nachrufe lese. Der Medien-Schlingensief. Welche Rolle hat er in diesem Umfeld zugewiesen bekommen? Zuerst erlebt habe ich seine kulturelle Präsenz mit Filmen wie dem „Deutschen Kettensägen-Massaker“ und zwar nicht mit speziellen Inhalten seines Regiewerks, das ich bis heute nur in Ausschnitten angeschaut habe, sondern vornehmlich über die Titel seiner Filme und Arbeiten. Aus ihnen sprach hoffentlich die Kraft des Anderen und des schrillen Dunklen, dem man sonst nur in Death-Metal Musik nachspüren konnte. In dieser Intensität wollte er offenbar als Künstler wahrgenommen sein. Ganz stark war er in der Entwicklung intensiver Textbausteine, wie „Scheitern als Chance“ und scheinbar übergriffiger Aktionen, wie „Tötet Helmut Kohl“. Diese Aktionen waren reiner Prozess, eher wie Musik, fast ein lebendiges Paradoxon, ein temporär angelegtes Spiel mit den blosszulegenden Widrigkeiten heutiger Realitäten. Kunst spielte da endlich keine Rolle mehr. Sie ist in diesem Sinne auch nicht sein Arbeitsfeld gewesen, wie es bei Joseph Beuys noch bewußt artikuliert worden war. Christoph Schlingensief hat meiner Meinung nach die reflektorischen und beeinflussenden Möglichkeiten des Menschen weitestgehendst so ausgefüllt, wie es ein Künstler heute verstehen kann. Er war dabei eher zufälligerweise Regisseur, oder eben irgendetwas anderes. Und es gibt tatsächlich viele Menschen und auch Künstler, die in dieser Weise arbeiten, nur ist selbst das Feuilleton der SZ nicht wirklich in der Lage mit einer so schubladenfernen Situation umzugehen ... sie ist in ihrer Komplexität schwierig darzustellen. Aber auch Frau Jelinek hat natürlich Recht, wenn Sie in der Totalen erkennt, das Schlingensief einzig war, weil das natürlich jeder Mensch ist. Dazu Chapeau.
Interessant ist, das Christoph Schlingensief eigentlich der einzige künstlerisch arbeitende Mensch war, der in den Medien die Rolle des sozial und politisch motivierten und mit extra wirren Haaren versehenen revolutionären Outlaws geben durfte. Nein, Herr Meese passt da jetzt nicht ... Er musste bei aller Anti-Anti Geste irgendwie trotzdem in die bigotte und zumeist reaktionäre Kulturlandschaft passen. Leider ist immer nur eine solche Rolle pro Generation zu vergeben und er hat verständlicherweise versucht sie sehr breit gefächert auszufüllen. Nur ein echter Revolutionär konnte er irgendwann nicht mehr werden, das schliesst eine derart leuchtende Präsenz in den bundesrepublikanischen Fernsehanstalten nun doch aus. Es bleibt die Rolle des angenehm überdrehten Mahners (ein schreckliches Wort), der sich mit Ironie, Witz, Spott, Pathos und der Hinwendung zu Skurillem und wiedererkennbaren kunst- und geistesgeschichtlichen Bezügen abstrampelt. Die am Ende seines Lebens präsenter werdende Malerei scheint das einzige zu sein, das eine eher überflüssige Stabilität in der Form eines tradierten Kunstproduktes aufweist. Alles gehörte bei Schlingensief eigentlich in die Bewegung. Dies gilt es zu bewundern und zu verstehen. Seine Titel werden für mich immer das Grösste bleiben: „Kirche der Angst“. Er war ein Meister emotionaler Vollständigkeit.
Nun bekommt man eine Gänsehaut vor all der Bürgerlichkeit, aus der er zwar gekommen ist, die ihn jetzt wieder – mitsamt seiner Arbeit – in die einschliessenden Arme nehmen möchte.
Vermutlich ist das eben ihre Art ein Werk zu beenden. Es ist ungerecht. Verdammt.
Montag, 16. August 2010
Martin Möbius. Eine Kultur der Kerne.
Der feste innere Teil der Frucht ist ein Kern. Kerntechnik: das könnte konzentriertes Weitspucken bedeuten. Tut es aber nicht. Wie fliegt der Komet ohne Schweif? Als Kern. Das Wort hat vielfältige Felder des Gebrauchs. Der Kern allen Übels. Der Grund vieler Missverständnisse. Man denkt dennoch zumeist an Dekontaminationsversuche, weniger an eine lebendige Zukunft. Was ist des Pudels Kern? Zum Teufel mit der Kritik. Beim Austausch von Meinungen in Diskussionen fallen größere Mengen kontaminierter, d.h. gesprächsverschmutzter Reststoffe an. Durch das Reinigen der Sprachhülsen wird vergiftetes Klima in argumentative Wertstoffe und restaktiven Abfall getrennt. Wie nennt der Jäger das Innere des erlegten Tieres ohne Haut? Kern. Noch aus der Zeit der Jäger und Sammler scheinen die Methoden der modernen Dekontamination zu stammen. Reste von Steinzeittechnik im Kernzeitalter. Zusammengebundene Stangen über einem Buschfeuer. Kernig. Behelfsduschen von Hornbach gegen die unüberschaubaren Folgen von Spaltungen. Kontrolle bleibt machbar. Die Idee von Schutz durch schlecht gekleidete Männer in Plastikanzügen.
Der Kern des Lebens wird offiziell nicht mehr gesucht. Seine Bearbeitung wird gefordert, seine Nutzbarkeit erforscht, ohne um seine echte Lage zu wissen:
„Wart ab, Meister Pflaume! Es heißt Zäpfel Kern, weil es aus einem Tannenzapfen oder genauer aus einem Kern in einem Tannenzapfen gekommen ist. Aus einem Kern voller Leben, Meister Pflaume! Paß nur auf! Du wirst es schon merken!“
Otto Julius Bierbaum hat das Märchen, das als Ausschnitt oben zu lesen ist, als eine Adaption des italienischen Pinocchio geschrieben. Seine Kunstfigur „Zäpfel Kern“ ist ebenso in Vergessenheit geraten, wie die allererste deutsche Autoreise-Erzählung von ihm mit dem Titel: „Eine empfindsame Reise in einem Automobil“, bei dem er als erster Autofahrer den Gotthard-Pass überquerte. Otto Julius Bierbaum alias Martin Möbius verfasste „Zäpfel Kern“ fünf Jahre vor seinem Tod 1910 in Dresden.
Donnerstag, 29. Juli 2010
Burkhard Eikelmann meets Peter Karbstein
Die Kunst wohnt mittlerweile ganz woanders. Das haben wir in früheren Beiträgen schon deutlich gemacht. Daher ist eine direkte, gemeinsame Kooperation zwischen Auktionshaus und Galerie, wie in diesem Fall bei der aktuellen Sommerverkaufsaktion von Eikelmann und Karbstein, im Rahmen des heutigen Kunstmarktverständnisses als völlig normal anzusehen. Die Aufmachung des Auktionskataloges ist bunt, sehr niederschwellig (siehe Bild oben) und in bester Flyertradition im kompletten Anti-Design gestaltet. Ein Einstieg in den Sammlermarkt, gerade um die alten Bekannten, wie Roy und Ramos bis hin zu den Richters und Polkes herum, scheint für jedermann machbar. Angst vor zu viel Intellektuellität und Vorbildung in den Galerie-Gesprächen braucht man bei Besuchen in der Eikelmannschen Galerie wohl nicht zu haben. Hier möchte jemand viele Bilder, egal welcher Provenienz an möglichst alle die zu Hause sind verkaufen. Das dürfen Galerien. Daran ist nichts Verwerfliches. Bei einigem Nachdenken könnte man diese Haltung sogar als ehrlicher empfinden als die vieler anderer Galerien, die mit angehäuften kunstgeschichtlichen Bezugsebenen in Ihren Produkten (diesen Ausdruck benutze ich bewußt) für interessante Desorientierung und Anerkennung beim heimischen Kunstverein zu sorgen versuchen. Aus irgendeinem Grund hat die Galerie Eickelmann bei den sich ernster nehmenden Galerien in Düsseldorf einen erstaunlich zweifelhaften Ruf ... Das könnte an dieser Form der Direktheit liegen, die einfach sagt: sucht Euch einen Namen aus, hier ist das bunte Bild dazu und dann her mit der Kohle. Dabei ist das grosses Kino: Ausverkauf des Popterroirs. Runter mit den Preisen. Terror und Auflösung. Teures billig. Sprachlich wäre die Verbindung zwischen Galerie und Auktionshaus eine Auklerie oder ein Galeraus. Wie gesagt, die Kunst ist sowieso woanders, was solls?
Nix wie hin: three cents off.
The Big Summer Auction
Galerie Burkhard Eikelmann
Ackerstrasse 13, Düsseldorf
Noch einfacher geht es über diesen link die Auflösung des derzeitigen Kunstsystems sichtbar zu machen. Einfach klicken. Hätten Sie den Unterschied bemerkt?
Mittwoch, 28. Juli 2010
Traurig: die temporäre Kunsthalle Berlin
Endlich. Eine temporäre Kunsthalle in Berlin. Großartig. Ein Umstand der endlich die Frage aufwirft, was denn eine Kunsthalle heute bedeuten kann. Ob man sich Begriffsbestimmungen überhaupt hingeben soll, bleibt dahingestellt, toll ist jedoch jeder Versuch einer solchen Selbstbestimmung und Hinterfragung. Traurig stimmt dann, dass es hier offensichtlich um ein Projekt ging, bei dem der Begriff temporär hiess, eine manifeste, eigentlich durchgesponsorte Kunsthalle für einen exakt vorbestimmten Zeitraum zu konstruieren. Zusätzlich wurde erneut die altbackene White-Cube Idee eingesetzt. Ansonsten existiert ein für alle wieder erkennbarer traditionell grundmotivierter Kunstbetrieb, der wohl vor allem für die Öffentlichkeit erkennbar funktionieren musste. Kein wirklich mutiges Projekt, das am Selbstbild einmal zu rütteln versucht oder der eklatante Fragen nach der Kunstvermittlung stellt. Als Ergebnis kommt, wie im obigen Artikel beschrieben heraus, daß alles gut gelaufen ist und irgendwie nach Kunst aussieht. Der eigenartige Einwurf des Autors, eine Kunsthalle sollte nichts mit einem Discounter zu tun haben ist nur dann richtig, wenn der Discounter nicht näher an die Kunst heranträgt. Ansonsten ist so eine Aussage Quatsch. Interessanter als eine Kunsthalle mit dem Argument zu fordern berühmte Berliner Künstler würden nicht in Berlin ausstellen können, wäre der Versuch echte Alternativen im Sinne der Kunstvermittlung zu provozieren und ein Gebäude zu entwickeln das Temporäres augenscheinlich macht. Denn das Temporäre bedeutet Bewegung und Bewegung ist etwas Grundsätzliches. Das könnte dazu führen, daß man seine Artikel auch nicht mehr mit einem langweiligen Hinweis auf angeblich fehlenden Wettbewerb zwischen öffentlichen Kunstanbietern abschließen muss... Für wen ist das letztlich relevant?
Das wäre eine gute Frage für den Sockel eines neuen temporären Gebäudes.
Mittwoch, 14. Juli 2010
Kunsthalle Bielefeld zeigt und Rirkit Tiravanija kocht
Die offensichtliche Verwirrung des angeblichen „anything goes“ auf dem Sektor der Kunstreflexion führt manche Kuratoren in immer neue thematische Verirrungen und hinein in den starken Sog vollständiger inhaltlicher Schwerelosigkeit. Bielefeld bespielt seine Kunsthalle mit einer Ausstellung von Rirkit Tiravanija. Sie heißt – praktisch alles vorwegnehmend:„ Just smile, don't talk.“ Fluxus lautstark zu mögen und die Kunstferne der eigenen Kunst-Produktion als den Inhalt spiegelnd anzubieten ist ein stets süß bleibendes Geschenk aus der Mottenkiste revolutionärer künstlerischer Ideen. Zumal man den Besuchern sofort mit Suppe das meuternde Maul stopft und dies gleichzeitig als startende Kommunikation versteht. Bei einem Radio-Feature der Ausstellung erfährt man dann im Kuratoren-Interview auch einiges von den zum Kochevent parallel gezeigten großartigen Filmen, wie Fassbinders „Angst essen Seele auf“ oder „Die glorreichen Sieben“ als Spaghetti-Western. Über diese hochwertige filmische Qualität lässt sich gut sprechen – nur, was haben diese Filme wirklich dort zu suchen. Der Verdacht liegt nahe, daß hier auf sehr simple Art und Weise ein brüchiger theoretischer Überbau zusammengeklebt wird. Mit dem angesprochenen bigotten TV-Dinner für Kunstfreunde wird auf sehr schlichte Art die intentionale Einstellung des Künstlers durchgewinkt, der, in Deutschland und anderswo ein politisch unangreifbares und beliebtes Thema, die kulturellen Unterschiede und Formen der kulturellen Integration als sein zentrales Thema verstehen will. Aber aus der Farbe Blau der heissen Kochflamme oder dem Gelb-Rot des Curry ist eben nicht in jedem Fall ein Bezug zur Kunstgeschichte, geschweige denn zur Malerei zu konstruieren. Essen anzubieten und dies als Start eines Gesprächs über wichtige Fragen des Lebens in einen künstlerischen Zusammenhang zu stellen ist nur dann ein ernstzunehmendes Angebot, wenn sich weiterhin innerhalb des Bezugsrahmens fragen lässt, wo die Kunst denn im Spiel der Gewürze geblieben ist. Eine verkrampfte Verknüpfung durch Aussagen wie: „ Kochen ist Kunst“ und „Als Deutscher kocht man Flädlesuppe“ ist weder lustig noch ist es heutig; eine vertane Chance, baut sie doch letztlich auf dem Jargon von Rassen-Klischees und gesellschaftlichen Zusammenhängen auf, die sogar einer zynischen „pre–fab“ Einstellung, bezogen auf die künstlerische Sicht dieser Ausstellung, entspringen könnte.
Nach den Ausführungen lässt sich abschliessend bemerken, daß sowohl dem Künstler als auch den Kunstvermittlern die passenden Zuordnungen abhanden gekommen sind. Ein deutliches Indiz dafür, dass beide noch stets dem kulturell übergeordneten, veralteten, in Teilen unehrlichen Kunst-System verpflichtet sind. Man möchte Herrn Tiravanija zurufen: „Hey, Rirkit, draussen kochen! Da kommt mehr Luft ans Feuer ...“
Identität und kulturelle Integration köcheln weiter auf kleiner Flamme.
„Just smile-don't talk."
Rirkit Tiravanija,
Eintritt vermutlich inklusive Suppe,
Kunsthalle Bielefeld.
Labels:
Carsten Reinhold Schulz,
Kochen,
Kulturkritik,
Kunsthalle,
Kunstkritik
Dienstag, 13. Juli 2010
Der Künstler als Junge, Teil 1
An dieser Stelle werden spontane, unreflektierte Aussagen zur Kunst in den Diskurs über die Rolle des Künstlers und der Kunst eingebracht.
Einen geradezu klassischen Beitrag leisten hierbei zwei Schüler eines deutschen Gymnasiums, die beeindruckend klar meine Vorstellung einer neuen Generation von Stadtguerilla darstellen, die sie als sogenannte „citygangster“ in neue, deutlich aktuellere Formen des Widerstands überführen.
Dieser Film ist, auch in Bezug auf seine Stilistik und die benutzten stilbildenden Mittel, Kunstkritik in seiner wohl elementarsten Form.
Labels:
Carsten Reinhold Schulz,
Kulturkritik,
Kunstkritik,
R.A.F.
H.A. Schult baut ein Haus aus Liebe.
Der an sich schon griffige Ausdruck „Kunstmusikfestival Bergisch Gladbach“ hat noch einen zusätzlichen und selbstverständlich vorangestellten Namen: HA SCHULT. Das dreiteilige Festival findet an diesem Freitag seine Premiere vor Ort. Ein Klaviermarathon, ein Blick in die deutsche Seele und die Reise des Künstlers durch die Kunst sind die verstörenden bis verrückenden Themen des Abends. Der bis heute kontrovers diskutierte und querköpfig PR-orientierte Künstler ist anwesend und wird aktiv seine unbändige Energie in die abendlichen Prozesse einfliessen lassen.
Signierte Poster und eine Orginalgrafik sind in einer limitierten Auflage an diesem Abend erhältlich.
Kunstmusikfestival
Bergisch Gladbach
Freitag, 16. Juli 2010, 20:00 Uhr
Bergischer Löwe
Konrad-Adenauer-Platz
51465 Bergisch-Gladbach
Kartenreservierungen: 02202.38999
Labels:
Carsten Reinhold Schulz,
H.A.Schult,
Müll,
Musik,
nu_decontemporary
Donnerstag, 24. Juni 2010
NU_DECONTEMPORARY zeigt „fifteen“

„madonnaboy“ aus der Serie „fifteen“, Fotografie, 2010
Mit dem aktuellem Projekt „fifteen“ eröffnet der Hamburger Fotograf Kai Peters einen emotionalen Zugang zu der als immer abstrakter erlebten Gefühlswelt Jugendlicher und junger Erwachsener. In den zumeist seriellen Arbeiten findet man – aller medialen Überfütterung zum Trotz – ein Höchstmass an menschlicher und fotografischer Intensität.
Kuratierung des Gesamtprojekts: Carsten Reinhold Schulz.
Labels:
Carsten Reinhold Schulz,
fifteen,
Galerien,
Kunst,
Kunstmesse,
nu_decontemporary
Montag, 7. Juni 2010
Day of song: das Ruhrgebiet als Nordkorea?

Möglicherweise ist die Überschrift leicht übertrieben. Natürlich kann es schön sein, wenn Menschen aller Generationen zusammen singen. Da entsteht ein gewaltiges Gefühl. Singen ist ja an sich ein befreiendes Unterfangen. Mich erfüllt es ebenfalls mit ganz großen, aber eher merkwürdigen Emotionen, wenn ich bei der Ruhrgebiets-Sing-Zusammenkunft im ausverkauften Stadion den pseudo-solidaristischen Text: „... was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen ...“ und dann gleich als nächste Textzeile: „... nur, wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang ...“ hören muss. Da wird mir persönlich speiübel und den politisch Verantwortlichen aller Couleur lacht das Herz, bei soviel medial eingetrichterter Nachsicht. Als nächster Tiefschlag dann der eigentlich geniale aber mittlerweile etwas gutmenschelnde-Quoten-Schwarze Bobby McFerrin. Er darf auf „Let it be.“, bisweilen schwummerig, aber in seiner allseits beliebten Manier ein wenig improvisieren. „Let it be.“ heisst letztendlich: „Schwamm drüber.“ Ein Text, der von mir nicht kommentiert werden muss und den im Stadion alle singen konnten. Glück gehabt, dass das Lied „Die Wacht am Rhein“ nicht mehr zum allgemein bekannten Liedgut gehört. Aus praktischen Erwägungen hätte man möglicherweise auch dieses Singmotiv noch ins Auge gefasst. Kurz bevor ich die Übertragung zur besten Sendezeit ausschalten wollte, erscheint ein hochmotivierter Herr im Anzug und teilt das Stadion in vier Gruppen und alle singen sodann im Kanon: „Hejo, spannt den Wagen an ...“ Endlich wurde also auch der Wunsch nach einer Steigerung des Bruttosozialprodukt direkt musikalisch in Szene gesetzt. Auch dieses Lied wird frenetisch bejubelt und besungen. Nur fehlte, für meinen Geschmack, die schöne Ironie des bekannten Liedes von „Geier Sturzflug“ aus den 1980er Jahren. Jajaja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt. Wer hat die Liedauswahl bei diesem Sing-Sang vorgenommen? Ein Parteienausschuss? Und wieso wird für ein solches Spektakel die allerbeste Sendezet bemüht, wieso taucht man diesen Liedabend nicht – wie die Sendung des philosophischen Quartetts – in die dunklen Sendeschatten nach Mitternacht? Dort werden die wichtigen Fragen und Zusammenhänge dieser Gesellschaft normalerweise besprochen. Der profane Grund dafür ist: ein nordkoreanisch motivierter Singabend ist der leichtere Weg, die Menschen in Deutschland weiterhin unterschätzen zu dürfen. Nur durch dieses Unterschätzen und Kleinhalten, es wird bezeichnenderweise Unterhaltung genannt, mit sprachlich schwurbelnden Minimalmotiven und Ansätzen aus der musikalischen Larifariküche lässt sich auf breiter Ebene das Eigenbild der politisch Verantwortlichen Gruppen bewahren, sie würden gut für alle sorgen und alle wären zufrieden. Es wird ebenso stetig deutlicher, das die Kulturmacher ihre ehemals freie Rolle längst aufgegeben haben und sich der sozialen Unterdrückung durch Mittelmass und eine monströse Verkennung ihrer veränderten Aufgaben schuldig machen.
Sing it again, Sam.
Labels:
2010,
Carsten Reinhold Schulz,
day of song,
Kunst,
Ruhr 2010,
Ruhrgebiet,
Sing it
Montag, 31. Mai 2010
Ruth Leuchter, die Erste.
Han Schuil, Martijn Schuppers und Ab van Hanegem. So heißen die drei niederländischen Künstler die Ruth Leuchter als erste in ihre neuen Galerieräume an der Lindenstrasse gelassen hat. Ab van Hanegem ist es zugefallen, die Ausstellung trotz oder gerade wegen eigener Beteiligung zu kuratieren. Die Niederlande scheint an diesem Abend omnipräsent zu sein, Flingern und sein kreatives Flair hat immer noch mehr Fahrradfahrer als jeder andere Stadtteil Düsseldorfs. Galerien mit Traute sind in Düsseldorf insgesamt nicht richtig beheimatet, da freut es um so mehr, wenn sich Galeristinnen ansiedeln, die eindeutig gute Arbeiten von schlechten unterscheiden können. Ruth Leuchter ist mit Lust und Verstand bei der Sache. Das zeigen die liebevoll umgestalteten Räume, die bereits als Präsentationsfläche für Off-Kunst erprobt waren. Nicht zu vergessen: der entzückende Hinterhof. Die Verteilung der Räume wirkt einladend persönlich und ist ein schöner Kontrast zu den immer musealer werdenden Wirkungen die manche Galeristen zu erzielen versuchen. Ruth Leuchter zeigt sich offen, vorhanden, ist symphatisch ansprechbar und ohne Berührungsängste inmitten einer Kiez- Umgebung, die sich als gutes Kunstumfeld für jüngere Galerien immer wieder beweisen muss. Ab van Hanegem, der eine sehr sichere Hand bei der Kombination von Raumwirkungen durch malerische Gesten und der Nutzung von Schablonentechniken hat, die übrigens auch gerne in der Streetart Verwendung finden, verbindet seine farbig-gelösten Bilder mit den eindruckmachenden, signalhaften Arbeiten auf Aliuminium des 1958 geborenen Han Schuil. Was diese Maler zusammen ausstellen lässt ist etwas schwer zu erkennen. Han Schuil kombiniert überzeugend Wirkungen und Material aus der jüngeren Kunstgeschichte, Ab van Hanegem ist in der Lage, beinahe surrealistische Assoziationsräume auf überraschende Art zu umgehen. Das kann beides richtig Spaß machen. Der dritte Künstler ist Martijn Schuppers, der, ich möchte es lapidar ausdrücken, eine Art emulsionsgesteuerte Malerei bevorzugt. Das Ergebnis ist so etwas wie ein schönes Bild, über das man eigentlich nicht mehr sprechen kann und das damit Anlass zur Entwicklung eines theoretischen Überbaus evoziert.
Insgesamt jedoch eine gelungene Ausstellung der Galerie Ruth Leuchter, die mit einem einzigen Künstler möglicherweise einen klareren Auftritt hätte verbuchen können. Dieses künstlerkuratierte Experiment zeigt aber den seltenen Willen zum Neuland und lässt in das noch zu erwartende Spektrum der Galerie schauen.
Auf jeden Fall selber ein Bild machen.
Empfehlenswert.
hermannstr. 36 / ecke lindenstr. | 40233 düsseldorf
phone: +49 (0)211 32 97 91
mobil: +49 (0)172 2 70 39 42
fax: +49 (0)211 13 20 91
mobil: +49 (0)172 2 70 39 42
fax: +49 (0)211 13 20 91
Di-Fr. 13.00 - 18.00 Uhr
Sa. 13.00 - 16.00 Uhr
Sa. 13.00 - 16.00 Uhr
Labels:
Galerie Flingern,
Ruth Leuchter
Freitag, 28. Mai 2010
Über-Ich, Übermüll.
So man will, ist es das Unbedeutende das Auskunft geben kann. Was unbedeutend sein soll, wird durch entsprechende Vorteile zur Durchsetzung persönlicher oder gesellschaftlich angedeuteter Ziele bestimmt. Vorteile sind dabei die zumeist kurzsichtigen Attribute von Einfluss und Wohlergehen. Sie werden durch massive Werbeunterstützung medial vorgelebt und mutieren – so schlicht sind wir gestrickt – zu sogenannten guten, bzw. präsentablen Lebensvorstellungen. Da für die meisten Menschen das Leben kurz wirkt, vermutlich weil sie die lebensverlängernden Momente von Stille mit denen der Langeweile verwechseln, ist schnelle Konsumption längst Routine. Produkte zu nutzen bedeutet, im Jahre 2010 trotz aller Aufklärung mehr denn je, auch den Abfall durch seine Finanzierung beim Kauf mitzuproduzieren. Diese Ummantelungen, Schachtelungen, Verpackungen, Einschnürungen, Dämm- und Dämpfungsmaterialien lesen sich bereits als Begriffe wie tiefenpsychologische Deutungen heutiger Lebensmodelle. Schneller Verbrauch ermöglicht die mentale Verdrängung einer sich stets wieder einfordernden inneren Leere. Konsum westlicher Prägung dient damit der Unterdrückung von systemerneuernden Ideen und Ressourcen. Reste des Konsums heißen nach unserem Sprachverständnis derzeit noch: „Müll“. Die mit unfassbaren Verrottungszeiten ausgestatteten Entsorgungsprodukte glitzern zunehmend als Plastik auf den Meeren dieser Welt und formen sich mit Hilfe von Wind und Gezeiten zu bis in den Weltraum hinaufspiegelnden Inseln unseres Seins. Als Masse ist Müll somit das umfangreichste kulturell motivierte Produkt unserer offensichtlich auf Vereinigung zielenden Zivilisationen.
Als Signal für notwendige Transformationen ist er ein Indikator der wichtigsten Zukunftsentscheidungen und ebenso erschütternder Beweis menschlicher Borniertheit, Arroganz und Schwäche.
Schwäche ist somit das Material jeder wichtigen Kunst im 21. Jahrhundert.
SAVE THE BEACH
Visit the
Beach Garbage Hotel
Reception
Thursday, June 3rd, 2010, 7:00 p.m.
Sant Angelo Castle, Rom, Italy
Montag, 17. Mai 2010
Die Versuchungen eines jungen Kurators

Formen verschleiernder Rhetorik haben längst auch einen festen Platz im Handwerkszeug des Kurators bildender Kunst erhalten. Wie entstehen eigentlich die auratisch scheinenden Titel der großen und kleinen Kunstausstellungen? Die Würfe und grossen Gesten des Musealen? Um allen interdisziplinär Interessierten Einblicke in die Methodik dieser wichtigen und nicht zuletzt sprachlich teilweise regelrecht wunderlichen Findungsprozesse zu geben, werde ich hier mehrere unterschiedliche Titel inklusive der zugehörigen Subline veröffentlichen. Daran lässt sich vieles ablesen, z.B. die politische Ausrichtung der Museumsleitung, ohne Details interpretieren zu müssen. Entsprechende Zuordnungen und Bewertungen sind dann einfach. Versuchen Sie es nach der Lektüre selbst mit Eigenfindungen. Als Novum und Bonus werden die unten genannten Titel frei nutzbar ab dem 01.06.2010 und für ganz junge Ausstellungsmacher kostenfrei zur Verfügung gestellt.
Kongruenz und Doppelung des Femininen
Die jungen Malerinnen des Bernauer Kreises
Blüten des Brachialen: Actionpainting und Körperkult.
Die frühen Serien des Ludger Horvaldson
Die Ächtung der Farbe.
Exkursionen durch die lange Herrschaft des Materials
Portrait und Selbsterhaltung.
Vierzehn Bild-Studien zu einer ungenauen Entwicklung um1980.
Trauma, Dada, Surrealismus:
das Unbewusste als Zweifelraum
Kultus und Zensus.
Die Vormundschaft der Erhabenheit.
Architektonisch orientierte Miniaturen.
Transatlantische Reliefs und Prägedrucke des 21.Jahrhundert.
Im Fremden die Zeichnung.
Bilder interdisziplinärer Distanzierung.
Flags, Constructions, Images.
Johns meets Tatlin.
Collage und Décollage:
Die obskuren Bildwelten Oswald Bidelens
Kunst als manifestierte Bewegung.
Die déformation professionelle in der aktuellen Kunst.
Brüder und Bluter.
Das Theater der Geschwister Blundhorst
L’ Harsch Gummé
Fetischbilder als Kulturtechnik der Unterdrückung
Labels:
Carsten Reinhold Schulz,
Kultur,
Kunst,
Kuratoren,
Übergriffe
Dienstag, 27. April 2010
Walking the Art Cologne 2010

Die Art Cologne ist fast wieder rund und das Rheinland ist nicht kleinlich. Alles findet sich. Alle haben sich schon mal gesehen. An jedem dritten Stand winkt Imi Knoebel mit einem farbigen Unterarm und an jedem zweiten Messestand ein hölzerner Balkenhol. Ein solches Überangebot irritiert aber nur die letzten Gutgläubigen, die meinen, eine Kunstmesse habe vorrangig mit Einzigartigkeit zu tun. Imi und Stephan gehen halt gut ... Das Klima auf der 2010er Kunst-Messe ist deutlich gelöster als noch vor zwei Jahren. In dieser Zeit fraternisierte man nicht mit den Galerie-Konkurrenten, die mittlerweile wieder Mitbewerber heißen. Man ist voll Liebe für den Anderen und deutet ein einladenes Lächeln an. Tatsächlich dürfte dieses Klima für eine Messe wie Köln immens wichtig sein. Die immer für Überraschungen bereite Galerie Steinek aus der Wiener Eschenbachgasse, aus dem übrigens gut vertretenen Österreich, hat ihr letztes Fernbleiben auch mit dem Erkalten der Gefühle zwischen den Kunst-Anbietern zu erklären versucht. Ich habe ihr sofort geglaubt. Die eben genannte Galerie gehörte auch zu den Ständen, die definitiv einen zweiten Blick lohnten. Mit Clemens Wolf wurde ein Künstler mitgebracht, der aus dem derzeit interessanten und schwierigen Terrain der ehemaligen Illegalität Wege sucht, einmal erfundene Bilder der sogenannten Street-Art weiterzuentwickeln und an die Geschichte des Tafelbilds wieder anzudocken. Das ist ein wichtiger und sehr jetziger Ansatz, nicht nur ein wirkliches - weil kaum merkliches - Spiel mit der Monochromie. Man kann bei diesem Künstler die Ernsthaftigkeit seines Tuns daran ablesen, dass seine Malerei stark aus urbaner Tiefe und gleichzeitig aus einem versuchenden Spiel schöpft. Überzeugende Bilder, platziert hinter einer etwas überzogen wirkenden goldenen Installation, die man zum Betrachten der Bilder erst überwinden musste.
Wenn der Besucher schließlich die Küsschen-Schwärme und schwirrenden Fotografen der für all ihr Tun belohnten Gruppe Grässlin – mit einem sehr schönen Herbert Brandl – hinter sich gelassen hat und danach das gleichbleibend mechanistische Weltbild des Konrad Klapheck bei der Bank von Schönewald & Beuse überwindet, entdeckt bei der Hamburger Galerie Levy plötzlich einen interessanten Menschen und Künstler: Friedrich Einhoff. Bilder mit Sensibilität, eine moderne, sinnhafte Auseinandersetzung mit dem Menschenbild, eine poetische Tiefe ohne Übertreibung und ohne Anbiederung. Kaum zu glauben und weitgehend unbekannt.
Dann geht es schon weiter mit den vollständig überbewerteten Bildern von Katharina Grosse bei der Galerie Nächst St. Stephan. Eigentlich findet man nur etwas unfreiwillig Amateurhaftes darin. Ein Eindruck der vielleicht mit einem auf Kunsthallengröße aufgeblasenen Format wieder verschwinden kann. Zum Glück hat auch diese Galerie schlauerweise den talentierten Brandl als Ausgleich mitgebracht. Überzeugende Arbeiten beim Auftritt der Galerie Onrust aus Amsterdam, deren programmatischer Name allerdings erstmal an ein wilderes Konzept denken lässt. Unbedingt denkenswert die Arbeiten Anish Kapoors bei Paragon Press aus London. Seine Radierungen „Untitled from shadows“ treten als wirkliche Ideen auf. Wenn alle nur zitieren und Bezug nehmen sind echte Ideen selten.
Überaschungen hat keiner gesucht und auch keiner gefunden. Eine Menge Galerien aus dem Rheinland ließen sich international finden. Die Nähe zur Kulturhauptstadt 2010 mit dem angeblich an Kultur so reichen Ruhrgebiet ließ sich dagegen überhaupt nicht bemerken. Zwei Galerien waren da: Utermann aus Dortmund, Schlag aus Essen - war Essen nicht auch Kulturhauptstadt?
Egal: Köln ist für einige Tage wieder Cologne gewesen und dann eben eine ganze Welt für sich.
Montag, 26. April 2010
Art Cologne und der Galerist des Jahres
Christian Ehrentraut aus Berlin war der überzeugendste und in diesem Fall lachende Prototyp bei unserer Suche nach dem Galeristen des Jahres 2010. Zu erleben war die Galerie mit der klaren Ansprache gerade auf der Art Cologne, hier zu sehen in Arbeitshaltung am Stand vor den Bildern von Franziska Holstein. Die aktuelle Ausstellung in der Berliner Galerie Christian Ehrentraut an der Friedrichstrasse zeigt Tilo Baumgärtl. Ausstellungsdauer: 10.04.-05.06.2010
Die Laudatio zur Verleihung des Titels „Galerist des Jahres“ wird an dieser Stelle in Kürze schriftlich veröffentlicht. Der Titel „Galerist des Jahres “ wird vom neuen Kunst- und Galerienmagazin GALPORT und diesem Blog zur Kulturkritik gemeinsam vergeben. Bitte beachten Sie auch folgenden Link zur Galerie Ehrentraut:
www.christianehrentraut.com
Montag, 12. April 2010
Burning Rembrandt
An meinem 47-sten Geburtstag habe ich einen Film von Jannik Johansen gesehen. Es geht um folgendes: Hauptperson des Films ist Mick. Er ist zufällig ebenfalls 47 Jahre alt und ein desillusionierter Dieb. Mick stiehlt, mehr aus Versehen, den einzigen „Rembrandt“ Dänemarks. Als das Werk nicht mehr verkauft werden kann, breitet sich Panik aus. Um nicht eingesperrt zu werden, soll die Kunst schließlich verbrannt werden. Eine Wahnsinns Idee.
Künstlerische Werke aus Gründen des persönlichen Selbstschutzes zu zerstören ist in der fatalen Konsequenz deshalb interessant, weil automatisch die Frage nach dem Wert von Kunst gegenüber der eigenen Existenz und Freiheit gestellt wird. Im Vergleich womit also zeigt sich der tatsächliche Wert eines Kunstwerkes?
Jede weitergehende gesellschaftliche Verantwortung einmal hintenan gestellt:
ein Szenario scheint vorstellbar, bei dem die Selbstbestimmung eines einzelnen Menschen mit der vollständigen Zerstörung eines singulären Kunstwerkes ohne Gewissensbisse aufgewogen werden kann. Hunger, nur um ein weiteres Beispiel zu nennen, wäre ein ähnlich gültiges Motiv. Ist der gebliebene Phantasieraum unserer gemeinsamen kulturellen Realität für diese Art von Vorstellung ausreichend? Ist der Hunger groß genug?
Wie hoch könnte der Schaden schließlich sein? Wer möchte das Taxieren dieser Werte übernehmen, any Volunteers? Hände hoch!
Labels:
Kriminalität,
Kunst,
Museum,
Rembrandt
Abonnieren
Kommentare (Atom)












