Sonntag, 31. Oktober 2010

J.S.Foer: Tiere essen


























Wenn Künstler Verantwortung übernehmen, kann das so aussehen wie dieses Buch. Vor der Unfassbarkeit der globalen Situation und den überbordenden Problemen unserer Welt will Foer sich nicht davonstehlen. Anhand der Massentierhaltung und den gesteuerten Zusammenhämgen industrieller Nutzung von Tieren, zeigt er klar unsere Selbstgefährdung als menschliche Spezies und unsere spektakuläre Borniertheit gegenüber dem Leid anderer auf. Warum uns nicht längst alle das Grauen packt, angesichts milliardenfachen jährlichen Leids, das durch den Konsum von billigem Fleisch jeglicher Art erzeugt wird, bleibt unser derzeitiger gemeinsamer schleierhafter Wesenszug. Das Buch Foers sollte aber langfristig beschäftigen und zu grundsätzlichen Fragen selbstgewählter Werte führen. Wir können nachdenken und ebenso können wir vordenken. Daher sind wir in der Lage, die dringend gesuchten Wege zu finden, uns sinnvoll vom Gängelband der industriellen Fleischversorgung (und anderer industrieller Machenschaften) abzukoppeln, um ökologische Ungleichgewichte und die erschreckende Probleme des weltweiten Hungers langfristig in den Griff zu bekommen. Wie überwindet man also die jede Weiterentwicklung hemmende Ignoranz und Verdrängung? Alle die etwas verstanden haben müssen aufstehen – müssen Wege finden, ihre Meinungen laut hörbar zum Ausdruck zu bringen. Das sind zu reaktivierende demokratische Notwendigkeiten.
Es geht um Alles. Fast immer.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Eduard Mörike im Teppichladen








































Leichtfertig sagt man, dass die deutsche Literatur im Leben keinen Platz mehr findet und die tägliche Normalität die Leistungen unserer Literaten praktisch unter den Teppich gekehrt hat.
Weit gefehlt. Tatsächlich zeigt diese Aufnahme der „Düsseldorfer Teppichtage“, das Eduard Mörike, mittlerweile als einer der großen Dichter des 19. Jahrhunderts erkannt, mit praktischen sprachlichen Aufhellern dazu beiträgt, der Freude, die in Verbindung mit Schnäppchen beim Teppichkauf entsteht,  wieder einen zentralen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung zu verschaffen. Als evangelischer Pfarrer hätte Mörike sicherlich grossen Spaß an den beinahe unglaublich preiswerten Angeboten dieses Geschäfts gehabt.
„Man muss halt immer etwas haben, worauf man sich freut ...“ s.o.

Solange Literatur sich noch offen in der Urbanität zeigt, kann es nicht schlecht um die neue europäische Denkergeneration stehen.
Erscheinungen überall ...

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Bei Kraut wird schwer gebechert.

























Als ich die Einladung zur Erstpräsentation eines neuen Düsseldorfer Kunstmagazins mit dem Titel „Kraut“ in den unweigerlich dazugehörenden Salon des Amateurs erhielt, habe ich mich erstmal gefreut. Die Stadt ist in dieser Hinsicht nicht besonders vielfältig ausgestattet. Ein neues, kreatives Baby des Direktorenpaars des NRW FORUM Wenzel/Lippert war also durchaus dazu angetan Neugier anzufachen. Nach dem ersten Blättern hinter dem grafisch etwas schwammigen Titelblatt wurde jedoch schnell klar: hier geht es wohl um Selbstvermarktung der ungeschickteren Art. An sich schön produziert, hat man durch den Verzicht auf eine Broschurbindung, trotz des aufwändigen Papiers, nicht nur einen Anklang an Schulheftästhetik in der Hand, sondern muss beim Lesen zuviele Lobhudeleien der immergleichen Protagonisten der Kunstwelt Düsseldorfer Provenienz inhalieren. Das gipfelt in  einem wappenartigem Familienstammbaum der Becher-Klasse, bei dem schnell klar wird worum es bei dieser 01 Ausgabe des Magazins eigentlich geht: eine weitere Manifestation der angeblichen Düsseldorfer Schule als Markenzeichen und Stereotyp. Alle sattsam Bekannten dürfen reinschauen, alle dürfen mal was sagen. Becher, Struth, Gursky, Becker, die Band Kreidler (die haben ein Abo ...), die bösen Akademieprofessoren und die guten Akademieprofessoren, die in Wirklichkeit längst verdrängten 1960er-70er Jahre, Kraftwerk nicht zu vergessen, die teuerste Fotografie der Welt – die aktuelle Ausstellung von Stephen Shore ist Anlass, all diese immergleichen Dinge mal wieder auszugraben. Die gezeigten jungen Fotografen wirken als Alibi. Das soll möglicherweise Internationalität made in Düsseldorf erzeugen und hinterlässt doch eher Selbstgestricktes, Verklebtes. Im Magazin selbst ist kein neuer oder eigener Ansatz zu entdecken. Wohl eher der verspätete Versuch an die Werbemethoden anderer Museen anzuknüpfen.
Dazu scheitert die gute Idee eine Empfangsdame des Museums, Frau Linden, zu interviewen, am unfertigen Menschenbild der offensichtlich minderjährigen Fragestellerin. Es ist leider der kürzeste Text im Magazin ...
Sprachlich von den Werteverlusten in der Kunst auf den Marktwert des in Düsseldorf heimischen Fotolabors und Marktführers Grieger hinüber zu spielen, ist nicht nur inhaltlich peinlich, sondern eine zu offensichtliche, redaktionell schlecht getarnte, vierseitige Werbeplatzierung der Firma Grieger, die auch noch das Lektorat der Zeitschrift innehat. Der beschriebene Zusammenhang lässt sich mit dem Hinweis auf die plattformübergreifenden, Kunst und Kommerz verbindenden Gehversuche des Museums NRW Forum nicht überzeugend verarbeiten. Es darf nicht reichen, den seit langem eingeschlagenen kommerziellen Weg des Museums mit einem veralteten Kunstdiskurs zu kaschieren.
Aber das ist längst typisch Düsseldorf.
Es geht also weiter beim NRW Forum wie es auch das bisherige Gesamt-Programm zeigt: schön gehängtes Altbewährtes, Industrielles, Werbeästhetik, das übliche Zeugs ohne echte Traute – eben Kraut.
Voilà.

Etliche schöne Fotos sind jedoch drin in der Zeitung.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Shannon Finley: "Specters into Signals"

















Die Veröffentlichung "Specters into Signals" von Shannon Finley liegt jetzt vor und diese mit sechs Orginal Vierfarb Linolschnitten versehene Ausgabe ist ein kleiner Schmuckstein im persönlichen Kunstbuch- oder Editionsregal.
Auf seinen farbintensiven Leinwänden legt Finley zahllose Farbfelder aufeinander, bis an der Oberfläche geometrisch abstrahierte Räume sichtbar werden. Durch die unzähligen Schichten entstehen Figuren, die wie Hologramme wirken. Signalfarben und die Formensprache können auf die Ästhetik von frühen Computerspielen verweisen, aber sie handeln durch Referenzen an Farbmystik, Mandalas bis hin zur Leuchtkraft von Kirchenfenstern.
Empfehlenswert.

Mit 6 vierfarbigen Linolschnitten und Offset-Abbildungen
Broschur, 56 Seiten, 500 Exemplare, 26 EUR

Bestellungen unter    www.christianehrentraut.com

Samstag, 2. Oktober 2010

Achim Beermanns Porzellanatome


























Irgendwie passend zur Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke in Deutschland stellt der Düsseldorfer Objekt-Designer Achim Beermann der modernen Tafel aufsehenerregende Alternativen zur Verfügung. War „Schwerter zu Pflugscharen“ mal ein Slogan der friedensbewegten Menschen der 1970er Jahre, ist es beim Designer heute nicht der politsche Aktionismus, sondern eine an der Ästhetik der unsere Gesellschaft kernspaltenden Kraftwerke orientierte Formensprache, die es Beermann erlaubt, ein aufwändig produziertes Porzellan-Set aus Zuckerdose, Salz und Pfefferstreuer bezugsreich Brücken ins Jetzt schlagen zu lassen.
Die in kleiner Serie entstandenen Objekte gehören auf den intelligenten Tisch.

Mehr zu Achim Beermann. Hier klicken

Freitag, 1. Oktober 2010

Beuys 21: Stuttgart und die Revolution.




















Niemand wäre darauf gekommen, daß es die Hauptstadt des Ländle sein wird, an der sich zeigt, was die Demokratie und der Souverän in Deutschland noch bedeutet. Die Politik ist aufgerufen sich erkennen zu geben: welche Werte werden in Zukunft entscheidend sein? Sind es die Sachverwalter unseres Landes mit kurzfristigen Zielen und Macht-, bzw. Profitinteressen die das entscheiden? Werden es langfristige Ziele sein, die dem menschlichen Zusammenleben den Vorrang geben und die endlich diese Werte für alle sichtbar definieren? Die RFBK wurde heute beim Stuttgart-21 Solidaritätstreffen auf dem Düsseldorfer Bahnhofsvorplatz gesehen. Das bedeutet die notwendige Verbindung zwischen Kunst und Widerstand ist hergestellt. Zwölf im Hintergrund abgestellte Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei in Kampfanzügen standen etwa 150 sehr ruhigen Demonstranten gegenüber. Viele Fahnen der Grünen, leider nur eine einsame Fahne der Antifa – dabei hat gerade die Antifa hier eine echte Aufgabe. Denn eine missverstandene Demokratie und ein Rechtssystem, das die Handlanger und die Verträge der Profiteure schützt, haben gesellschaftliche Auswirkungen die vom Bild des Faschismus nicht allzuweit entfernt sind. Denn der Mensch bleibt das Kapital. Diese Vorstellung, die seit Beuys auch von den Grünen getragen wird, darf nicht mehr fortgesetzt übergangen werden. Bei Stuttgart-21 steht so gut wie alles auf dem Spiel. Also: Aufstehen. Demonstrieren gehen.

Künstler vereinigt euch.

Mehr zur Revolutionären Front Brüderlicher Künstler.

Mittwoch, 29. September 2010

Gerhard Richters Matrosen kann man verkaufen.





















Warum sollte die Bremer Weserburg ihren Gerhard Richter und ihren Franz Gertsch nicht verkaufen, Frau Catrin Lorch? Vollmundig verkünden Sie den Ausverkauf des Bremer Museums und bemängeln gleichzeitig seinen sprachlichen Umgangston der, wen überrascht es, aus dem Fundus der Unternehmensberater zu stammen scheint. Museen sind Unternehmen und denken und fühlen auch so. Sie sind keine hehren Orte der geheimnisvollen und wertigen Archive der Menschheit. Museen produzieren zumeist nur noch rotierende Klischees unserer angeblichen Werte-Wirklichkeit. Das ist jedoch nichts Neues. Es ist allemal besser sich von ein paar Bildern zu trennen, um der ursprünglichen Idee eines Sammlermuseums konzentriert nachzukommen. Das dürfte grössere Chancen auf  inhaltliche Bewegung und zumindest gelegentliche Überraschungen bieten. Auch ein Richter ist nur ein Gemälde, ein Bild, in postmoderner Zeit entstanden und bewertet. Der Künstler lebt noch. Geben wir ihm eine Chance. Und den Ideen der Weserburg auch.

Mittwoch, 15. September 2010

Antony Gormley und Bregenz: eine unheilige Allianz























Wir lesen vom Künstler selbst platziert:
“Die Figuren erzeugen ein Feld, in dem Menschen mit aktivem, wachen Verstand aufgefordert sind, Raum und Distanz innerhalb dieses Feldes statischer Eisenfiguren zu messen. Skifahrer und Wanderer werden zu einem Teil dieses Feldes. Die Installation würdigt so die tiefe Verbundenheit zwischen dem sozialen und geologischen Raum, zwischen Landschaft und Erinnerung“, so Antony Gormley über sein Kunstprojekt. Gemeint sind sage und schreibe 100 gusseiserne Skulpturen mit einem Einzelgewicht von 640 Kilogramm, die im Bregenzer Wald auf 2034 Meter Höhe gestellt, das bisher größte österreichische Skulpturenprojekt ausmachen sollen. Was in Österreich passiert, ist ja gerne mal politisch-eklig, tendenziell abseitig oder muss gleich irgendwelche Größenordungen sprengen.
Grundsätzlich ist es schade und „für Menschen mit wachem Verstand“ im Ansatz auch anmassend, dass man beim Erwandern von Landschaft und Natur oder dem was von ihr übrig ist, erfahren muss, dass sie allein offensichtlich kein selbsterfahrbares Erlebnis mehr darstellen soll. Diese Kunstaktion ist offensichtlicher Aktionismus für den Durchschnitts-Tourismus der Region. Er spielt fahrlässig mit der Rest-Natürlichkeit dieser Kulturlandschaft über der Baumgrenze und der darunter. Nicht die tiefe Verbundenheit zum sozialen und geologischen Raum wird hier manifest, sondern die weltweite Tendenz jeden öffentlichen Raum mit einer vermeintlichen Kunst auf ominöse Art nachhaltig zu verbessern. Das mit erhelblichen Kostenaufwand und Transport-Hubschraubern durchgesetzte Projekt ist offensichtlich für die Ewigkeit angelegt und nicht nur temporär gemeint. Das bleibt abzuwarten. Dem initiierenden Kunsthaus Bregenz, dem Künstler selbst und der Politik in Österreich ist hier eine unheilige Allianz gelungen.
Es zeugt von Grösse und Einsicht Dinge auch mal nicht zu tun. Ein Konzept ist manchmal erst sinnvoll, wenn es ungemacht bleibt, das hat schon Ilja Kabakov in seinem Palast der Konzepte definiert. Alles was geht muss man nicht tun. Die Atombombe konnte gebaut werden, also wurde sie auch gebaut. Der gute Wille mag ja eine wesentliche Hinwendung gewesen sein, aber der gute Wille eines Künstlers kann nicht gleichzeitig die Rechtfertigung für jedes künstlerisch gemeinte Grossprojekt sein. Die fahrlässig naive Art Gormleys wird deutlich bei seiner Aussage, das die Figuren keine Skulpturen darstellen, sondern Orte an denen Menschen gewesen sein können: frommer Wunsch oder schon Geschwafel? Eine überheblich geführte Kunstdiskussion und ihre künstlerische Produktion entwickelt Tendenzen wie der Satelitenschrott im Orbit.
Man muss zusehen, daß man ihr ausweicht.

Mittwoch, 8. September 2010

Felix Warhol und Andy Droese





















Die Behauptung, die noch stets so genannte Kunst der Popart und speziell die von Andy Warhol könnte sowohl als Vergötterung oder als Verstörung einer politisch durchgesetzten Gesellschaft- und Wirtschaftform gesehen werden ist falsch. Sie ist ausschliesslich was sie ist: reine Hommage an die Diktatur der Marke. Es ist der geile Versuch „to have the cake and eat it“. Die Ablehnung einer Handschrift und fehlender  nachvollziehbarer individueller Zugang zum System Bild sind möglicherweise folgerichtig zu nennen, aber führen als Idee vom Menschen weg in die absolute Beliebigkeit einer banal gewordenen, weil instrumentalisierten Welt. Man sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob die Arbeiten der popart tatsächlich noch unter Kunst einsortiert werden müssen. Das schafft sehr viel Platz in den Museen. Eigentlich sollten die Popart-Sachen in die Kaufhäuser von Karstadt und Supermärkte der Aldikette. Nicht die von Felix Droese. Na gut, die auch.

Dienstag, 7. September 2010

Blue Efficiency: Mercedes Benz lernt von China?
















 Es ist Zeit der deutschen Werbung einige Aufmerksamkeit zu schenken. Sie ist im Koordinatensystem kultureller Wahrnehmung eine nicht zu unterschätzende Größe. Es ist jedoch eine französische Automarke, die mit einem existierenden und funktionsfähigen Elektroauto im Fernsehen, gut gemacht übrigens, für sich und die freundliche Zukunft wirbt. Tatsächlich ein reines Elektroauto. Ein wenig ist mein Glauben an die Menschheit dadurch zurückgekehrt, das muss ich zugeben. Diese Firma wird für alle Zeiten meine Symphatie haben, das Quentchen Vorsprung bei der Entscheidung für eine Automarke, sollte ich mir mal ein Auto gönnen.
Einige Tage später sehe ich in einem Spot von Mercedes-Benz, einst grosser Autobauer, das eben die Marke Benz 85 Automobile mit der sogenannten Blue-Efficiency Technologie ausstatten will und sich das groß auf die Fahne schreibt. Schon das sich die eingebaute Technik, wie z.B. der Benzinsparmodus an Ampeln auf freier Strecke laut Magazin Focus wieder ausgleicht, ist vom dürftigen Anspruch her eher witzig zu nennen. Niemand kann sich erklären, warum ein Mix aus allen möglichen Zusätzen zum Verbrennungsmotor als ökologischer Heilsbringer mit effektivem englischen Namen verkauft wird. „Blue Efficiency“ – eine neue Technologie geht anders. Ein neue Technologie würde alles, alles, alles versuchen. Hat da jemand die eigentlichen Ideen verschlafen oder steckt da ein müder Kopf noch stets im zwanzigsten Jahrhundert? Ich hoffe, es gibt nicht noch schlimmere Gründe. Wie sieht es aus in der Etage wo die Kommunikation gemacht wird? Kunden sind Menschen und die sind nicht dumm, auch Automobilisten nicht unbedingt: die Frage nach einem neuen Antrieb, der die Menschheit von der Geissel der Erdölabhängigkeit befreit, ist eine kulturell überlebenswichtige, deutlich zentrale Frage. Sie stellt, nicht zuletzt, die Weichen für vollkommen neue Perspektiven des Zusammenlebens von Menschen. Was soll da ein pseudoindividualisiertes Lavieren mit Aggregaten für Super und Diesel? Was soll das im Jahre 2010? Firmen die sich immer noch gegen diese offensichtliche Bewegung stellen, beginnen jetzt ihr Image für die Zukunft zu zerstören und arbeiten gegen strahlende Potentiale ihres eigenen Unternehmens. Strategien kann man riechen und das riecht alles nicht wirklich gut.
In diesem Vorgehen der meisten deutschen Autobauer, das vermutlich auch politisch gedeckt ist, wird augenscheinlich, was bereits die deutsche Mainstream-Politik und die öffentliche Kultur uns klarmacht: das Fehlen von Visionen oder erträglichen Entwürfen für die Zukunft bei fast allen Entscheidungsträgern. Die Verantwortung für spätere Generationen wird leichtfertig verspielt, um Reste von Verkaufspotential noch mitzunehmen, ungeachtet der für Lösungsfindungen bereits sehr fortgeschrittenen Zeit. Erst werden die Regale geräumt, dann kommt die Neuware ...
Stuttgart 21 macht uns in kleiner Version vor was passieren wird. Politik muss den eigentlichen Souverän der Demokratie wieder verstehen lernen. Und die Kultur, ja, die Künste, sollten endlich beginnen sich neu zu definieren und ihre Stimme zu erheben.
Einmischen.


Eine Kiste deutsches Öl.

Montag, 6. September 2010

Reaktionärer Blödsinn: das Holocaustdenkmal für Homosexuelle






















Auch wenn das alles schon ein wenig her ist. Es sollte uns weiter beschäftigen. Das Zustandekommen solcher Erinnerungsungetüme ist politisch abenteuerlich und aus meiner Sicht bitter für alle kulturell engagierten und interessierten Menschen, sowie auch für diejenigen, die in Trauer an ermorderte und gequälte Freunde oder Verwandte zurückblicken auf die Horrorzeit der Nazis und die zugehörigen Folgen. Der augenscheinliche Inhalt dieser Skulptur ist banal bis einseitig zu nennen, alle plakativen Verweise auf die sexuelle Ausgrenzung zum Trotz. Ich vermisse schmerzlich eine künstlerische Haltung, eine persönliche Handschrift, eine Emotion, die nicht mittels einer reaktionärer Begriffsdeutung gesellschaftliche Klischees über schwule Männer hofiert. Solche Denkmäler müssen unbedingt darüber hinausweisen. Der isolierte und bestenfalls akademische Zugang zur Tragödie einer Vernichtung von Menschen aus rassistisch-sexuellen Motiven bleibt im Klischee stecken und bezeugt höchstens einen kleinen Ausschnitt aus schwuler Lebenswirklichkeit (die übrigens freiwillig fortbesteht) und bietet ansonsten viel formal retuschierte Leere. Wenn eine erklärende Plakette dran ist wird man wohl trotzdem hingehen. Wenn man sich jedoch die Entwürfe der anderen Künstler ansieht, die in der Berliner Akademie der Künste ausgestellt waren und die auch so illustre Namen wie Wolfgang Tillmanns und Isa Genzken auswiesen wird einem erst richtig Angst und Bange. Gerade ihre Arbeiten sind an Arroganz und Dummheit kaum zu überbieten.
Deutschland deine Künstler … (sind mit den Gedanken woanders).

Dienstag, 24. August 2010

Christoph Schlingensief und die Überschrift.


























Leider habe ich Christoph Schlingensief nie persönlich kennengelernt. Einmal habe ich ihn über sein Büro eingeladen, um seine Bilder ausstellen zu können. Es kann wichtig sein, wenn Menschen plötzlich malen und sich in viele Richtungen verausgaben wollen. Leider hat ein Treffen nie geklappt. Also muss ich jetzt über den medial präsenten Christoph Schlingensief nachdenken, er ist es der mir bleibt, wenn ich seine Nachrufe lese. Der Medien-Schlingensief. Welche Rolle hat er in diesem Umfeld zugewiesen bekommen? Zuerst erlebt habe ich seine kulturelle Präsenz mit Filmen wie dem „Deutschen Kettensägen-Massaker“ und zwar nicht mit speziellen Inhalten seines Regiewerks, das ich bis heute nur in Ausschnitten angeschaut habe, sondern vornehmlich über die Titel seiner Filme und Arbeiten. Aus ihnen sprach hoffentlich die Kraft des Anderen und des schrillen Dunklen, dem man sonst nur in Death-Metal Musik nachspüren konnte. In dieser Intensität wollte er offenbar als Künstler wahrgenommen sein. Ganz stark war er in der Entwicklung intensiver Textbausteine, wie „Scheitern als Chance“ und scheinbar übergriffiger Aktionen, wie „Tötet Helmut Kohl“. Diese Aktionen waren reiner Prozess, eher wie Musik, fast ein lebendiges Paradoxon, ein temporär angelegtes Spiel mit den blosszulegenden Widrigkeiten heutiger Realitäten. Kunst spielte da endlich keine Rolle mehr. Sie ist in diesem Sinne auch nicht sein Arbeitsfeld gewesen, wie es bei Joseph Beuys noch bewußt artikuliert worden war. Christoph Schlingensief hat meiner Meinung nach die reflektorischen und beeinflussenden Möglichkeiten des Menschen weitestgehendst so ausgefüllt, wie es ein Künstler heute verstehen kann. Er war dabei eher zufälligerweise Regisseur, oder eben irgendetwas anderes. Und es gibt tatsächlich viele Menschen und auch Künstler, die in dieser Weise arbeiten, nur ist selbst das Feuilleton der SZ nicht wirklich in der Lage mit einer so schubladenfernen Situation umzugehen ... sie ist in ihrer Komplexität schwierig darzustellen. Aber auch Frau Jelinek hat natürlich Recht, wenn Sie in der Totalen erkennt, das Schlingensief einzig war, weil das natürlich jeder Mensch ist. Dazu Chapeau.
Interessant ist, das Christoph Schlingensief eigentlich der einzige künstlerisch arbeitende Mensch war, der in den Medien die Rolle des sozial und politisch motivierten und mit extra wirren Haaren versehenen revolutionären Outlaws geben durfte. Nein, Herr Meese passt da jetzt nicht ... Er musste bei aller Anti-Anti Geste irgendwie trotzdem in die bigotte und zumeist reaktionäre Kulturlandschaft passen. Leider ist immer nur eine solche Rolle pro Generation zu vergeben und er hat verständlicherweise versucht sie sehr breit gefächert auszufüllen. Nur ein echter Revolutionär konnte er irgendwann nicht mehr werden, das schliesst eine derart leuchtende Präsenz in den bundesrepublikanischen Fernsehanstalten nun doch aus. Es bleibt die Rolle des angenehm überdrehten Mahners (ein schreckliches Wort), der sich mit Ironie, Witz, Spott, Pathos und der Hinwendung zu Skurillem und wiedererkennbaren kunst- und geistesgeschichtlichen Bezügen abstrampelt. Die am Ende seines Lebens präsenter werdende Malerei scheint das einzige zu sein, das eine eher überflüssige Stabilität in der Form eines tradierten Kunstproduktes aufweist. Alles gehörte bei Schlingensief eigentlich in die Bewegung. Dies gilt es zu bewundern und zu verstehen. Seine Titel werden für mich immer das Grösste bleiben: „Kirche der Angst“. Er war ein Meister emotionaler Vollständigkeit.
Nun bekommt man eine Gänsehaut vor all der Bürgerlichkeit, aus der er zwar gekommen ist, die ihn jetzt wieder – mitsamt seiner Arbeit – in die einschliessenden Arme nehmen möchte.
Vermutlich ist das eben ihre Art ein Werk zu beenden. Es ist ungerecht. Verdammt.

Montag, 16. August 2010

Martin Möbius. Eine Kultur der Kerne.




















Der feste innere Teil der Frucht ist ein Kern. Kerntechnik: das könnte konzentriertes Weitspucken bedeuten. Tut es aber nicht. Wie fliegt der Komet ohne Schweif? Als Kern. Das Wort hat vielfältige Felder des Gebrauchs. Der Kern allen Übels. Der Grund vieler Missverständnisse. Man denkt dennoch zumeist an Dekontaminationsversuche, weniger an eine lebendige Zukunft. Was ist des Pudels Kern? Zum Teufel mit der Kritik. Beim Austausch von Meinungen in Diskussionen fallen größere Mengen kontaminierter,  d.h. gesprächsverschmutzter Reststoffe an. Durch das Reinigen der Sprachhülsen wird vergiftetes Klima in argumentative Wertstoffe und restaktiven Abfall getrennt. Wie nennt der Jäger das Innere des erlegten Tieres ohne Haut? Kern. Noch aus der Zeit der Jäger und Sammler scheinen die Methoden der modernen Dekontamination zu stammen. Reste von Steinzeittechnik im Kernzeitalter. Zusammengebundene Stangen über einem Buschfeuer. Kernig. Behelfsduschen von Hornbach gegen die unüberschaubaren Folgen von Spaltungen. Kontrolle bleibt machbar. Die Idee von Schutz durch schlecht gekleidete Männer in Plastikanzügen. 
Der Kern des Lebens wird offiziell nicht mehr gesucht. Seine Bearbeitung wird gefordert, seine Nutzbarkeit erforscht, ohne um seine echte Lage zu wissen:
„Wart ab, Meister Pflaume! Es heißt Zäpfel Kern, weil es aus einem Tannenzapfen oder genauer aus einem Kern in einem Tannenzapfen gekommen ist. Aus einem Kern voller Leben, Meister Pflaume! Paß nur auf! Du wirst es schon merken!“  
Otto Julius Bierbaum hat das Märchen, das als Ausschnitt oben zu lesen ist, als eine Adaption des italienischen Pinocchio geschrieben. Seine Kunstfigur „Zäpfel Kern“ ist ebenso in Vergessenheit geraten, wie die allererste deutsche Autoreise-Erzählung von ihm mit dem Titel: „Eine empfindsame Reise in einem Automobil“, bei dem er als erster Autofahrer den Gotthard-Pass überquerte. Otto Julius Bierbaum alias Martin Möbius verfasste „Zäpfel Kern“ fünf Jahre vor seinem Tod 1910 in Dresden. 

Donnerstag, 29. Juli 2010

Burkhard Eikelmann meets Peter Karbstein






















Die Kunst wohnt mittlerweile ganz woanders. Das haben wir in früheren Beiträgen schon deutlich gemacht. Daher ist eine direkte, gemeinsame Kooperation zwischen Auktionshaus und Galerie, wie in diesem Fall bei der aktuellen Sommerverkaufsaktion von Eikelmann und Karbstein, im Rahmen des heutigen Kunstmarktverständnisses als völlig normal anzusehen. Die Aufmachung des Auktionskataloges ist bunt, sehr niederschwellig (siehe Bild oben) und in bester Flyertradition im kompletten Anti-Design gestaltet. Ein Einstieg in den Sammlermarkt, gerade um die alten Bekannten, wie Roy und Ramos bis hin zu den Richters und Polkes herum, scheint für jedermann machbar. Angst vor zu viel Intellektuellität und Vorbildung in den Galerie-Gesprächen braucht man bei Besuchen in der Eikelmannschen Galerie wohl nicht zu haben. Hier möchte jemand viele Bilder, egal welcher Provenienz an möglichst alle die zu Hause sind verkaufen. Das dürfen Galerien. Daran ist nichts Verwerfliches. Bei einigem Nachdenken könnte man diese Haltung sogar als ehrlicher empfinden als die vieler anderer Galerien, die mit angehäuften kunstgeschichtlichen Bezugsebenen in Ihren Produkten (diesen Ausdruck benutze ich bewußt) für interessante Desorientierung und Anerkennung beim heimischen Kunstverein zu sorgen versuchen. Aus irgendeinem Grund hat die Galerie Eickelmann bei den sich ernster nehmenden Galerien in Düsseldorf einen erstaunlich zweifelhaften Ruf ...  Das könnte an dieser Form der Direktheit liegen, die einfach sagt: sucht Euch einen Namen aus, hier ist das bunte Bild dazu und dann her mit der Kohle. Dabei ist das grosses Kino: Ausverkauf des Popterroirs. Runter mit den Preisen. Terror und Auflösung. Teures billig. Sprachlich wäre die Verbindung zwischen Galerie und Auktionshaus eine Auklerie oder ein Galeraus. Wie gesagt, die Kunst ist sowieso woanders, was solls?
Nix wie hin: three cents off.

The Big Summer Auction
Galerie Burkhard Eikelmann
Ackerstrasse 13, Düsseldorf

Noch einfacher geht es über diesen link die Auflösung des derzeitigen Kunstsystems sichtbar zu machen. Einfach klicken. Hätten Sie den Unterschied bemerkt?

Mittwoch, 28. Juli 2010

Traurig: die temporäre Kunsthalle Berlin

















Endlich. Eine temporäre Kunsthalle in Berlin. Großartig. Ein Umstand der endlich die Frage aufwirft, was denn eine Kunsthalle heute bedeuten kann. Ob man sich Begriffsbestimmungen überhaupt hingeben soll, bleibt dahingestellt, toll ist jedoch jeder Versuch einer solchen Selbstbestimmung und Hinterfragung. Traurig stimmt dann, dass es hier offensichtlich um ein Projekt ging, bei dem der Begriff temporär hiess, eine manifeste, eigentlich durchgesponsorte  Kunsthalle für einen exakt vorbestimmten Zeitraum zu konstruieren. Zusätzlich wurde erneut die altbackene White-Cube Idee eingesetzt. Ansonsten existiert ein für alle wieder erkennbarer traditionell grundmotivierter Kunstbetrieb, der wohl vor allem für die Öffentlichkeit erkennbar funktionieren musste. Kein wirklich mutiges Projekt, das am Selbstbild einmal zu rütteln versucht oder der eklatante Fragen nach der Kunstvermittlung stellt. Als Ergebnis kommt, wie im obigen Artikel beschrieben heraus, daß alles gut gelaufen ist und irgendwie nach Kunst aussieht. Der eigenartige Einwurf des Autors, eine Kunsthalle sollte nichts mit einem Discounter zu tun haben ist nur dann richtig, wenn der Discounter nicht näher an die Kunst heranträgt. Ansonsten ist so eine Aussage Quatsch. Interessanter als eine Kunsthalle mit dem Argument zu fordern berühmte Berliner Künstler würden nicht in Berlin ausstellen können, wäre der Versuch echte Alternativen im Sinne der Kunstvermittlung zu provozieren und ein Gebäude zu entwickeln das Temporäres augenscheinlich macht. Denn das Temporäre bedeutet Bewegung und Bewegung ist etwas Grundsätzliches. Das könnte dazu führen, daß man seine Artikel auch nicht mehr mit einem langweiligen Hinweis auf angeblich fehlenden Wettbewerb zwischen öffentlichen Kunstanbietern abschließen muss... Für wen ist das letztlich relevant? 
Das wäre eine gute Frage für den Sockel eines neuen temporären Gebäudes.


Mittwoch, 14. Juli 2010

Kunsthalle Bielefeld zeigt und Rirkit Tiravanija kocht


























Die offensichtliche Verwirrung des angeblichen „anything goes“ auf dem Sektor der Kunstreflexion führt manche Kuratoren in immer neue thematische Verirrungen und hinein in den starken Sog vollständiger inhaltlicher Schwerelosigkeit.  Bielefeld bespielt seine Kunsthalle mit einer Ausstellung  von Rirkit Tiravanija. Sie heißt – praktisch alles vorwegnehmend:„ Just smile, don't talk.“ Fluxus lautstark zu mögen und die Kunstferne der eigenen Kunst-Produktion als den Inhalt spiegelnd anzubieten ist ein stets süß bleibendes Geschenk aus der Mottenkiste revolutionärer künstlerischer Ideen. Zumal man den Besuchern sofort mit Suppe das meuternde Maul stopft und dies gleichzeitig als startende Kommunikation versteht. Bei einem Radio-Feature der Ausstellung erfährt man dann im Kuratoren-Interview auch einiges von den zum Kochevent parallel gezeigten großartigen Filmen, wie Fassbinders „Angst essen Seele auf“ oder „Die glorreichen Sieben“ als Spaghetti-Western. Über diese hochwertige filmische Qualität lässt sich gut sprechen – nur, was haben diese Filme wirklich dort zu suchen. Der Verdacht liegt nahe, daß hier auf sehr simple Art und Weise ein brüchiger theoretischer Überbau zusammengeklebt wird. Mit dem angesprochenen bigotten TV-Dinner für Kunstfreunde wird auf sehr schlichte Art die intentionale Einstellung des Künstlers durchgewinkt, der, in Deutschland und anderswo ein politisch unangreifbares und beliebtes Thema, die kulturellen Unterschiede und Formen der kulturellen Integration als sein zentrales Thema verstehen will. Aber aus der Farbe Blau der heissen Kochflamme oder dem Gelb-Rot des Curry ist eben nicht in jedem Fall ein Bezug zur Kunstgeschichte, geschweige denn zur Malerei zu konstruieren. Essen anzubieten und dies als Start eines Gesprächs über wichtige Fragen des Lebens in einen künstlerischen Zusammenhang zu stellen ist nur dann ein ernstzunehmendes Angebot, wenn sich weiterhin innerhalb des Bezugsrahmens fragen lässt, wo die Kunst denn im Spiel der Gewürze geblieben ist. Eine verkrampfte Verknüpfung durch Aussagen wie: „ Kochen ist Kunst“ und „Als Deutscher kocht man Flädlesuppe“ ist weder lustig noch ist es heutig; eine vertane Chance, baut sie doch letztlich auf dem Jargon von Rassen-Klischees und gesellschaftlichen Zusammenhängen auf, die sogar einer zynischen „pre–fab“ Einstellung, bezogen auf die künstlerische Sicht dieser Ausstellung, entspringen könnte.
Nach den Ausführungen lässt sich abschliessend bemerken, daß sowohl dem Künstler als auch den Kunstvermittlern die passenden Zuordnungen abhanden gekommen sind. Ein deutliches Indiz dafür, dass beide noch stets dem kulturell übergeordneten, veralteten, in Teilen unehrlichen Kunst-System verpflichtet sind. Man möchte Herrn Tiravanija zurufen: „Hey, Rirkit, draussen kochen! Da kommt mehr Luft ans Feuer ...“
Identität und kulturelle Integration köcheln weiter auf kleiner Flamme.


„Just smile-don't talk."  
 Rirkit Tiravanija,
Eintritt vermutlich inklusive Suppe,
Kunsthalle Bielefeld.

Dienstag, 13. Juli 2010

Der Künstler als Junge, Teil 1




An dieser Stelle werden spontane, unreflektierte Aussagen zur Kunst in den Diskurs über die Rolle des Künstlers und der Kunst eingebracht.
Einen geradezu klassischen Beitrag leisten hierbei zwei Schüler eines deutschen Gymnasiums, die beeindruckend klar meine Vorstellung einer neuen Generation von Stadtguerilla darstellen, die sie als sogenannte „citygangster“ in neue, deutlich aktuellere Formen des Widerstands überführen.
Dieser Film ist, auch in Bezug auf seine Stilistik und die benutzten stilbildenden Mittel, Kunstkritik in seiner wohl elementarsten Form.

H.A. Schult baut ein Haus aus Liebe.




























Der an sich schon griffige Ausdruck „Kunstmusikfestival Bergisch Gladbach“ hat noch einen zusätzlichen und selbstverständlich vorangestellten Namen: HA SCHULT. Das dreiteilige Festival findet an diesem Freitag seine Premiere vor Ort. Ein Klaviermarathon, ein Blick in die deutsche Seele und die Reise des Künstlers durch die Kunst sind die verstörenden bis verrückenden Themen des Abends. Der bis heute kontrovers diskutierte und querköpfig PR-orientierte Künstler ist anwesend und wird aktiv seine unbändige Energie in die abendlichen Prozesse einfliessen lassen.
Signierte Poster und eine Orginalgrafik sind in einer limitierten Auflage an diesem Abend erhältlich.

Kunstmusikfestival
Bergisch Gladbach

Freitag, 16. Juli 2010, 20:00 Uhr
Bergischer Löwe
Konrad-Adenauer-Platz
51465 Bergisch-Gladbach
Kartenreservierungen: 02202.38999

Donnerstag, 24. Juni 2010

NU_DECONTEMPORARY zeigt „fifteen“


























„madonnaboy“ aus der Serie „fifteen“, Fotografie, 2010
  
Mit dem aktuellem Projekt „fifteen“ eröffnet der Hamburger Fotograf Kai Peters einen emotionalen Zugang zu der als immer abstrakter erlebten Gefühlswelt Jugendlicher und junger Erwachsener. In den zumeist seriellen Arbeiten findet man – aller medialen Überfütterung zum Trotz – ein Höchstmass an menschlicher und fotografischer Intensität.
Kuratierung des Gesamtprojekts: Carsten Reinhold Schulz.
NEW_DECONTEMPORARY zeigt Fotografien auf der ART CONTEMPORARY RUHR zur Kulturhauptstadt 2010 Essen Zollverein, Halle C88 täglich vom 2.-4-July 2010. Besuchen Sie uns am Stand. Wir freuen uns auf Sie und auf viele Gespräche.
Informationen und persönliche Einladungen: +49(0)173.24 054 78

Montag, 7. Juni 2010

Day of song: das Ruhrgebiet als Nordkorea?





















Möglicherweise ist die Überschrift leicht übertrieben. Natürlich kann es schön sein, wenn Menschen aller Generationen zusammen singen. Da entsteht ein gewaltiges Gefühl. Singen ist ja an sich ein befreiendes Unterfangen. Mich erfüllt es ebenfalls mit ganz großen, aber eher merkwürdigen Emotionen, wenn ich bei der Ruhrgebiets-Sing-Zusammenkunft im ausverkauften Stadion den pseudo-solidaristischen Text: „... was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen ...“ und dann gleich als nächste Textzeile: „... nur, wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang ...“ hören muss. Da wird mir persönlich speiübel und den politisch Verantwortlichen aller Couleur lacht das Herz, bei soviel medial eingetrichterter Nachsicht. Als nächster Tiefschlag dann der eigentlich geniale aber mittlerweile etwas gutmenschelnde-Quoten-Schwarze Bobby McFerrin. Er darf auf „Let it be.“, bisweilen schwummerig, aber in seiner allseits beliebten Manier ein wenig improvisieren. „Let it be.“ heisst letztendlich: „Schwamm drüber.“ Ein Text, der von mir nicht kommentiert werden muss und den im Stadion alle singen konnten. Glück gehabt, dass das Lied „Die Wacht am Rhein“ nicht mehr zum allgemein bekannten Liedgut gehört. Aus praktischen Erwägungen hätte man möglicherweise auch dieses Singmotiv noch ins Auge gefasst. Kurz bevor ich die Übertragung zur besten Sendezeit ausschalten wollte, erscheint ein hochmotivierter Herr im Anzug und teilt das Stadion in vier Gruppen und alle singen sodann im Kanon: „Hejo, spannt den Wagen an ...“ Endlich wurde also auch der Wunsch nach einer Steigerung des Bruttosozialprodukt direkt musikalisch in Szene gesetzt. Auch dieses Lied wird frenetisch bejubelt und besungen. Nur fehlte, für meinen Geschmack, die schöne Ironie des bekannten Liedes von „Geier Sturzflug“ aus den 1980er Jahren. Jajaja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt. Wer hat die Liedauswahl bei diesem Sing-Sang vorgenommen? Ein Parteienausschuss? Und wieso wird für ein solches Spektakel die allerbeste Sendezet bemüht, wieso taucht man diesen Liedabend nicht – wie die Sendung des philosophischen Quartetts – in die dunklen Sendeschatten nach Mitternacht? Dort werden die wichtigen Fragen und Zusammenhänge dieser Gesellschaft normalerweise besprochen. Der profane Grund dafür ist: ein nordkoreanisch motivierter Singabend ist der leichtere Weg,  die Menschen in Deutschland weiterhin unterschätzen zu dürfen. Nur durch dieses Unterschätzen und Kleinhalten, es wird bezeichnenderweise Unterhaltung genannt, mit sprachlich schwurbelnden Minimalmotiven und Ansätzen aus der musikalischen Larifariküche lässt sich auf breiter Ebene das Eigenbild der politisch Verantwortlichen Gruppen bewahren, sie würden gut für alle sorgen und alle wären zufrieden. Es wird ebenso stetig deutlicher, das die Kulturmacher ihre ehemals freie Rolle längst aufgegeben haben und sich der sozialen Unterdrückung durch Mittelmass und eine monströse Verkennung ihrer veränderten Aufgaben schuldig machen.


Sing it again, Sam.